Von Arno Halmen

Ostberlins Zeitungen meldeten nur die „tausendfache Zustimmung in der Republik“ zur Besetzung der Tschechoslowakei. Sie verschwiegen, was sonst noch geschah – in diesen Tagen in der DDR. Arbeiter unterschrieben Protestresolutionen. Studenten verteilten Flugblätter, Gottesdienstbesucher sprachen Gebete um Hilfe für die Tschechoslowaken, in der CSSR-Botschaft gaben Ostberliner Solidaritätserklärungen ab, vor der sowjetischen Botschaft demonstrierten Jugendliche mit Plakaten und Sprechchören. Viele von ihnen sind von Vopos verhaftet worden, darunter auch zwei Söhne des Professors Havemann. Von der Stimmung „drüben“ berichten dieser Augenzeugenreport eines DDR-Bürgers und die Schilderung über einen Besuch in Ostberlin.

Es war am 21. August 1968. Der Kultursaal der Elektro-Apparate-Werke in Berlin-Treptow füllte sich. Die Arbeiterinnen der Frühschicht strömten zusammen. Der SED-Betriebsgruppensekretär Lehmann hatte die hauptamtlichen Funktionäre ab 6 Uhr zum Agitationseinsatz bestellt: „Genossen, keiner darf sich drücken! Die Weisung des Zentralkomitees lautet: Jeder hat der Radioübertragung beizuwohnen!“

Gegen 8 Uhr 10 war der achthundert Menschen fassende Saal überfüllt, die Erklärung des Zentralkomitees der SED wurde in die Büros und Montagehallen dieses größten Ostberliner Betriebes übertragen. In der gleichen Stunde mußten sich auf Befehl der Partei in allen volkseigenen Betrieben der DDR die Belegschaften versammeln, um die TASS-Mitteilung und das Ulbricht-Bulletin anzuhören.

Totenstille herrschte im Kultursaal, im fünften Stock des Verwaltungsgebäudes des ehemaligen AEG-Betriebes. Kaum hatte die metallene Stimme des Sprechers von „Radio DDR“ begonnen, die Deklarationen zu verlesen, als sich in der letzten Reihe die Putzfrauen erhoben, um in schweigendem Protest in kleiner Kolonne den Saal zu verlassen.

Als aus den Lautsprechern der Satz ertönte: „Die Bürger der DDR hatten aufgeatmet, als sich im Ergebnis der bedeutsamen Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien die Aussicht eröffnete, daß die dem Sozialismus feindlichen Kräfte in der ČSSR zurückgedrängt werden ...“, begann ein sich fortwährend verstärkendes Husten in allen Reihen.

Mit ablehnenden Gesichtern saßen alle da. Umsonst winkte der Parteisekretär vorn aufgeregt mit der Hand, energisch Ruhe fordernd. Hier und da verließen unter betont lautem Scharren ihrer Stühle Werksangehörige den Saal. Als die Übertragung sich dem Ende näherte, hatten bereits Hunderte den Raum verlassen.