FÜR jene, die sich von der „Publikumsbeschimpfung“ nicht persönlich beleidigt gefühlt haben (also wahrscheinlich für Aufsichtsräte weniger) –

Peter Handke: „Begrüßung des Aufsichtsrats“ – Prosatexte; Residenz Verlag, Salzburg; 128 S., 8,50 DM.

ES ENTHÄLT neunzehn kürzere und kürzeste Prosastücke sehr verschiedener Art, darunter ein Seitenstück zu dem Roman „Die Hornissen“, eine genaue Nacherzählung von Kafkas „Prozeß“ und von Sam Peckinpahs Western „Sacramento“, zwei verblüffende juristische Prüfungsfragen, einige exakte Notare aus einem Wartesaal, die „Ausbruch des Krieges“ überschrieben sind, und die Aufgabe des Lesers besteht darin, Titel und Text miteinander zu vereinbaren und sich zu fragen, was es bedeutet, daß diese Vereinbarung gelingt...

ES GEFÄLLT, daß mit diesem Buch auch einige Etüden jenes Autors zugänglich geworden sind, der wie zur Zeit kein anderer darauf beharrt, daß die Literatur nicht in erster Linie Inhalte vermittelt, sondern Weisen, über Inhalte zu reden – ein Formalist also, wenn man will, aber auf die Dauer mögen sich die Formalisten als die besseren Realisten erweisen. Aus Stücken wie dem Dekret „Das Standrecht“, in dem eine Obrigkeit in der für solche Zwecke vorgesehenen Sprache ihre Absicht, vermeintliche Unruhestifter rasch auszumerzen, sowohl äußert wie kaschiert, ist eine Menge zu lernen etwa über die Legitimation obrigkeitlicher Selbstlegitimierungen und über den Automatismus der Bewußtseinsprozesse dessen, dessen Gedanken auf Themen wie „Standrecht“ gelenkt werden. Eine Studie über eine Sprechweise – aber jeder Nachricht aus Prag hält sie stand. Dieter E. Zimmer