Abflug, Abflug. Allnächtliches Aufsteigen und Abfliegen zu den Blinkpünktchen, zu den Siedlungsplaneten in der Kassiopeia. Null Uhr genau, im Anschluß an Meldung und Wetterlage, Luftfeuchtigkeit und planetare Ereignisse, wenn der bunte Torso einer Ansagerin lieblichgrelle Lippen öffnet, „Es ist Nulluhr“ auszusprechen, verhalten das Datum zu flüstern, lächelndes Gute Nacht und Hinweis auf die folgende Übertragung heutigen Abfluges.

Abflug: wenige nur noch schauen vor ihren Geräten dem Start zu. Seit Jahren kennt man es zur Genüge. Immer das gleiche Bild: Hunderte von Personen (ausgewählt für die Reise zu Gestirnen, physikalisch der Erde ähnlich gemacht, wo kein Nahrungsmangel herrscht und keine unmäßige Verwaltung dieses Mangels) entströmen flachen Kontrollgebäuden, ordnen sich zu langen Zügen, zum Gänsemarsch auf gigantische Raketen zu, um sie zurückwinkend zu besteigen, in die Kamera grüßend, lachend, Koffer in der einen, hochgeschwenkte Mütze in der anderen Hand, verschwinden sie alle, alle in den flugfähigen Türmen.

Eine weitere Kamera, entfernter aufgestellt, wie man von seinem Sessel daheim erkennt, um sie vor der Druckwelle des Startens zu schützen, sendet die Totale des nun menschenleeren Startplatzes in die mitternächtigen Zimmer derjenigen, die aus unerfindlichen Gründen ihren Energieverbrauch mißachten und das Bett seheuen.

Blumiges grübchenkrauses Gelächel: Heute ist Freitag, der fünfundzwanzigste Februar Nulluhr – Wir übertragen nun den Abflug Nummer Achttausendfünfhundertsechsundsechzig und wünschen allen Planetariern eine gute Nacht.

Weißes Feuer schießt aus den stumpfen Enden der erigierten Fahrzeuge: Eines nach dem anderen hebt sich schwerfällig vom Gerüst, als zögerten Material und Maschinerie, ob sie wirklich die weite Reise antreten sollten. Plötzlich scheinen die dröhnenden Körper entschlossen: der Aufstieg beschleunigt sich, wird schnell, schneller, vom mitschwenkenden Kameraauge verfolgt: fliegen endlich vor dem Prospekt des Himmels, vor der unbegreiflichen Kulisse des Welttheaters stetig aufwärts: immerselber Vorgang, dem zuzuschauen die meisten müde geworden sind, seit er sich ein halbes Dezennium lang Nacht für Nacht wiederholt. Das langweilt. Manchmal werden in den Nachrichtensendungen Berichte über den Alltag auf Uranos oder Neptun gezeigt, technisch minderwertig und einfarbig meist, so daß kaum Einzelheiten auszumachen sind. Leute ernten Früchte von Bäumen, fahren in Wagen, sitzen vor Wohnkugeln und wirken, obwohl undeutlich und im Detail nicht identifizierbar, gut genährt und sorglos, im Gegensatz zur terrestrischen Bevölkerung, die nur Anspruch aufs Existenzminimum hat. Es reicht eben nicht für alle, dank der Sorglosigkeit von Urvätern und Vorfahren, und so muß eben ausgewandert werden, abgeflogen jede Nacht Punkt Null Uhr. Wer die Grüne Karte mit der Post erhält, darf sich auf dem Startplatz „einfinden“, glücklich, bald in die Fleischtöpfe der Galaxis langen zu können.

Während man selber schon im Bett liegt, entkleidet mit bewußt zeitlupenhaften Bewegungen, um die Kalorienverbrennung zu verringern, flackern hinter den geschlossenen Lidern noch die Düsenflammen, bodenwärts gerichtete Fackeln prometheischen Unternehmens. Wenn man da mitfliegen dürfte!

Keine Gespräche mehr über Speisen. Kein verstohlenes Blättern in vergilbten Kochbüchern. Kein hoffnungsloses gieriges Starren auf einen der letzten Vögel, Elster oder Krähe, unter Naturschutz gestellt, ohne dadurch vorm Aussterben (wahrer: Aufgefressenwerden) bewahrt worden zu sein.