Von Ulrich Schiller

Moskau, im September

Die Sowjets und ihre Interventionsverbündeten haben sich in eine Sackgasse manövriert. Sie müßten schnellstens aus der Tschechoslowakei abziehen, wenn sie Freundschaft und Vertrauen der Überfallenen zurückgewinnen wollen. Freilich stünden sie dann bald wieder denselben politischen Problemen gegenüber, deretwegen sie glaubten, einmarschieren zu müssen. Also zwingen sie die Prager Führung lieber, nach ihrem Diktat zu regieren – als ob die Tschechen und Slowaken mit Druck und Terror für den Sowjetkommunismus zurückzugewinnen seien. In Wahrheit werden so auch die gutwilligsten Leute Gegner der Sowjetunion.

Wie konnten sich die Sowjets dermaßen verrennen?

Die meisten Kremlbeobachter hatten die Besetzung der Tschechoslowakei zwar nicht für unmöglich, aber doch für unwahrscheinlich gehalten. Zu vieles sprach dagegen, selbst wenn man einen klaren Unterschied zwischen der westlichen und der sowjetischen politischen Vernunft erkennt. Die Versöhnung in Bratislava schien diese optimistische Einschätzung zu bestätigen. Dennoch war sie falsch.

Bratislava und die vorangegangene Konferenz von Cierna sind für die Beurteilung des weiteren Ablaufs der Dinge äußerst wichtige Stationen. Waren sie bloß ein groß angelegtes Schauspiel? Ein gut gespieltes Schauspiel obendrein: hartes Ringen, beinahe ein Abbruch mit Knall und Dramatik, dann Versöhnung; Breschnjew küßt Dubček, Smrkowsky Suslow; es gibt Tränen, Blumen, Händeschütteln. War das alles nur eine von den Sowjets inszenierte Komödie zur Täuschung der Tschechen und der Weltöffentlichkeit?

Die ausländischen Diplomaten und Korrespondenten in Moskau, die sich freimachen konnten – und dazu zählte auch der amerikanische Botschafter Thompson – fuhren nach der Konferenz von Bratislava in die Ferien. Hatten sie sich täuschen lassen? Hatte sie die atmosphärische Entspannung, die aus den Bildern weinender und lachender Parteichefs sprach, ihre eigenen Analysen vergessen und die Tatsachen geringschätzen lassen?