Von Heinz Josef Herbort

Die Herren tagten in strengster Klausur – sie befanden sich in einem Dilemma. Um Maßnahmen gegen eine drohende Revolte zu beraten, mußten sich die katholischen deutschen Bischöfe eine Woche vor dem an diesem Donnerstag beginnenden Großfamilien-Treffen ihrer Untertanen in Essen für zwei Tage in die Albertus-Magnus-Akademie in Königstein einschließen.

Vier Wochen nach dem Erscheinen der Enzyklika „Humanae vitae“, in der Papst Paul VI. eine künstliche Geburtenregelung als gegen die göttliche Ordnung und die Natur des Menschen verstoßend definierte und darum verbot, hielten die Bischöfe eine Reihe nicht gerade beruhigender Reaktionen ihrer Schäflein in der Hand: zum Beispiel eine protestierende Eingabe von Priestern und Laien aus Paderborn mit 4265 Unterschriften, eine ähnliche Sammlung aus Köln mit 2300 Namen; eine oppositionelle Stellungnahme des Vereins katholischer Eheberater und aus München die Mitteilung von 600 Priestern an ihren Bischof, der Forderung des Papstes nach „innerem und äußerem loyalen Gehorsam“ nicht entsprechen zu können; aus Limburg die Hoffnung des Priesterrates, wie die Mehrheit der vom Papst eingesetzten Expertenkommission „auf Grund vernünftiger Argumente zu einer abweichenden Haltung“ kommen zu können, und aus Münster die dpa-Meldung, daß im Priester- und Seelsorgerat ganze zwei Mitglieder für die Enzyklika plädierten.

Zu allem Überfluß waren die Herren auch untereinander nicht einig. Der Münchner Kardinal Döpfner hatte seinerzeit dem Papst die Meinung der Kommissions-Mehrheit überbracht, die sich für eine Zulassung natürlicher wie künstlicher Empfängnisverhütung einsetzte; die Bischöfe von Regensburg und Freiburg dagegen drängten inzwischen auf exakte Befolgung der päpstlichen Anordnung.

Zudem schien Eile geboten: Am 5. September wollen die deutschen Katholiken im Essen auf der Grundlage der Konzilskonstitution über die Kirche in der Welt von heute in einem Arbeitskreis über „Ehe und Familie“ diskutieren. Stimmen wurden laut, daß man dort kein Blatt vor den Mund nehmen werde. Der drohenden Gefahr mußte man entgegentreten – die deutsche Bischofskonferenz beraumte eine Sondersitzung an, um „geeignete Hilfen“ zu formulieren.

Selber erhielten die Bischöfe rechtzeitig geeignete Hilfe von dem Jesuiten Karl Rahner. Der Dogmatik-Professor und ehemalige Konzils-Ratgeber erklärte in einem Aufsatz in den Stimmen der Zeit säuberlich scholastisch argumentierend die Enzyklika zu einer „doctrina reförmabilis“, zu einer Äußerung, die – im Sinne eines früheren Lehrschreibens der Bischöfe – „einen gewissen Verbindlichkeitsgrad hat und doch, weil keine Glaubensdefinition, eine gewisse Vorläufigkeit bis zur Möglichkeit eines Irrtums“ besitzt. Gegenüber einer solchen Lehräußerung kann das Gewissen eine „genügende, von ernsthaften Gründen getragene Überzeugung“ haben, die es ihm gestattet, „theoretisch oder praktisch von der päpstlichen Norm abzuweichen“. Rahner zieht daraus den Schluß: „Wenn ein katholischer Christ nach reiflicher Überlegung seines Gewissens glaubt, bei aller Vorsicht und Selbstkritik zu einer Ansicht zu gelangen, die von der päpstlichen Norm abweicht und diese in seiner ehelichen Praxis befolgt unter Beobachtung jener Prinzipien, die als gemeinchristlich schon öfters erwähnt wurden, dann braucht ein solcher Katholik keine subjektive Schuld zu befürchten oder sich als formal ungehorsam der kirchlichen Autorität gegenüber zu betrachten.“

Mit dieser professoralen Hilfe waren die Bischöfe aus dem Schneider. Und so formulierten sie, „im Wissen um die Hoffnungen, Fragen und Nöte der Ehe in unserer Zeit“, in einer Verlautbarung ein „klärendes und wegweisendes Wort“. Sie bezeichneten die Enzyklika als „authentische, das heißt mit Amtsautorität vorgetragene, aber nicht unfehlbare Entscheidung“ und leiteten daraus ihre Folgerungen und Forderungen ab: