Man brachte mich zum Revier, wo man meinen Verband wechselte. Ich würde mich aufrecht halten können, vielleicht auch einige Schritte tun. Unnötig. Man schob mich in einen gepanzerten Packwagen; vielleicht war es der Krankenwagen. Hinten war eine Doppeltür, sie war von außen verriegelt. Vier Trennbalken hingen von der Decke. Ich war allein. Im Liegen sah ich durch ein kleines vergittertes Fenster in der Tür Lastwagen und die Landschaft, die dahinflog. Würden die Maquis angreifen? Ich mochte es nicht recht glauben, denn die reichlich bergige Gegend war nicht bewaldet. Meines Wissens gab es keine bedeutenden Maquis vor der Garantie. Ohne Zweifel unternahm die Panzerdivision so etwas wie eine Strafexpedition: oberhalb der Straße und ihrer weich gestreckten Kurven brannten unsere Dörfer unter einer sehr langen Rauchfahne, die schräg über dem Lande hing.

In Villefranche-de-Rouergue, dessen beinahe spanische Kirche ich wiedererkannte – sie hatte mir als Kulisse für einige Szenen von „L’Espoir“ gedient –, machte die Kolonne für die Nacht halt.

In Albi (wir fuhren immerzu nach Süden, und immer brannten die Dörfer), schlief ich auf dem Sofa, das in einem großen Saal, offensichtlich dem Rathaussaal, stand. Der Posten, der nicht zur Panzertruppe gehörte, sondern zu einem in der Stadt garnisonierenden Regiment, setzte sich neben mich und zog aus seiner Tasche zwei Photos: den Marschall Pétain und – zu meiner Verblüffung – den General de Gaulle. Mit dem Finger auf Pétain: „Sehr gut!“ Mißbilligend auf de Gaulle weisend: „Terrorist!“ Er schaute mich an. Ich wartete auf das, was kommen würde. Er hob den Finger, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und sagte: „Morgen“ und senkte ihn auf de Gaulle: „Vielleicht sehr gut?“; dann das gleiche mit Pétain: „Vielleicht: Terrorist?“ und machte eine Gebärde, die bedeutete: kann man je wissen? zuckte die Schultern und nahm seinen Wachdienst wieder auf.

In Revel, im Erdgeschoß einer verlassenen Villa, hatte ich einen winzigen Garten zu meiner Verfügung. Auf den Stock gestützt, konnte ich ein wenig umhergehen. Beim Abendessen (ich bekam Mannschaftsverpflegung; die Offiziere übrigens auch) lagen neben dem Teller eine Zigarette und ein Streichholz.

Am nächsten Morgen kamen ein Offizier und zwei Soldaten, um mich abzuholen. Ich nahm auf der hinteren Bank des Wagens neben dem Offizier Platz. Am Ausgang des Städtchens verband er mir die Augen. Ich fühlte mich nicht bedroht und empfand diese Binde als einen Schutz. Als der Offizier sie abnahm, fuhren wir gerade in den Park eines ziemlich gräßlichen Schlosses ein. Vor der Freitreppe ein Dutzend Offizierswagen: es war das Kriegsgericht.

Die markierte Hinrichtung war nicht sehr überzeugend gewesen; dieses Rudel von Wagen war überzeugend. Dieses dümmliche Schloß – das letzte? – bekam die Eindringlichkeit der Dinge, an deren Tore das Schicksal klopft. Einige Tage, ehe er sich umbrachte, hatte mein Vater mir gesagt, daß der Tod ihm eine tiefe Neugierde einflößte. Ich verspürte sie auch, aber nicht für den Tod, doch für das Kriegsgericht – vielleicht weil dieses just das war, was mich noch von ihm trennte. Meine Wachen, überrascht, daß ich meine Schritte beschleunigte, folgten mir. Die Fenstertüten des Treppenaufgangs standen gegen eine Helle auf, hinter der in einem großen Salon einige zwanzig Offiziere mit „grauen Mäusen“ tarzten.

Hier fand also kein Kriegsgericht statt, sondern ein Ball... Erster Stock. Ein langer Gang, eine Doppeltür. Der Offizier ging hinein, schlug die Hacken zusammen, grüßte mit Hitlergruß und ging wieder hinaus. Ich stand aufrecht vor der Tür, die wieder geschlossen worden war. Ein weiter Raum, der von drei auf einen Park und einen kleinen See gehenden Fenstern sein Licht bekam. Hinter dem Louis-V.-Schreibtisch, dessen vergoldete Beschläge schimmerten, ein General. Das Ritterkreuz mit Eichenlaub. Ich konnte im Gegenlicht sein Gesicht nur schlecht erkennen; er trug eine Sonnenbrille, und seine weißen Haare glänzten im Licht. Er ging auf einen kleinen Tisch zu, um den Sessel herumstanden, setzte sich und winkte mir, Platz zu nehmen. Auf dem Tisch eine silberne Dose. Er reichte sie mir.