Von Dietrich Strothmann

Fast ohne eigenes Zutun, zumindest ohne große Anstrengung scheint es Adolf von Thadden noch rechtzeitig vor der nächsten Bundestagswahl zu gelingen, seine Nationaldemokratische Partei Deutschlands gesellschaftsfähig zu machen. Er jedenfalls hat nichts dazu beigetragen, daß gerade in den letzten Tagen so manche Vertreter der drei großen Parteien mit den Mannen aus der „braunen Ecke“ fleißig Bruderküsse tauschten.

So geschehen in Berlin, anläßlich des „Tages der Heimat“, zu dem der SPD-Bundestagsabgeordnete und Vertriebenen-Präsident, Reinhold Rehs, auch eine stattliche Zahl von NPD-Politikern an den Tisch eines „Vorparlaments“ geladen hatte; so geschehen in drei niedersächsischen Dorfschaften, wo Kandidaten der CDU, der FDP und der SPD sich mit NPD-Kollegen zwecks Listenverbindungen für die Kommunalwahl Ende September gemein machten. Bisher sind zwar nur aus drei der 4200 niedersächsischen Gemeinden solche Zweckehen mit den Rechten ruchbar geworden; noch weiß aber auch der Landeswahlleiter nicht, ob es damit sein Bewenden haben wird oder ob an den Biertischen anderer Ortschaften ähnliche Bündnisse geschlossen worden sind.

Thadden hat in Berlin und in Niedersachsen mehr gewonnen als eine Wahl. Er zählt nun zum Kreis der „Etablierten“, und das Eintrittsbillet verschafften ihm jene, die ihn eigentlich verwünschen sollten. Die drei Großen in Bonn jedenfalls werden es in Zukunft schwerer haben, ihn als „Obernazi“ abzustempeln und seiner Partei das Etikett „Nachfolgeorganisation der NSDAP“ anzuhängen.

Da hilft es dem Bundesvorstand der Vertriebenen wenig, daß er sich nach dem Eklat von Berlin mit der Entschuldigung herauszureden suchte, die 13 NPD-Parlamentarier seien nicht persönlich eingeladen worden, er habe lediglich pauschal die Landtagspräsidenten aufgefordert, Fraktionsdelegationen abzuordern. Da bereits in sieben von elf Parlamenten Nationaldemokraten sitzen, mußte der Gastgeber gewarnt sein. Erst recht unverständlich ist es aber, daß die CDU-Abgesandten, darunter der Kanzler-Sonderbeauftragte Ernst Lemmer, dennoch mit den Rechten an jenem ominösen „Vorparlament“ teilnahmen, während andere, wie der Berliner Regierende Bürgermeister, absagten. Rehs kann es nicht wundern, wenn ihm der Sozialistische Hochschulbund anriet, doch gleich zu Thadden überzuwechseln.

Ebensowenig hilft es auch den drei niedersächsischen Parteien, durch Ausschlußverfahren der abtrünnigen Genossen das Porzellan zu kitten, das so leichtfertig zerschlagen wurde. Die Listenabsprachen, die diese mit der NPD getroffen haben, können aus rechtlichen Gründen nicht mehr rückgängig gemacht werden; dafür ist es bereits zu spät. Wie es dazu kam, ist eine Geschichte aus dem politischen Hinterwald, wert, von einem Ludwig Thoma glossiert zu werden.

Es fing damit an, daß in Eimbeckhausen (Kreis Springe) der Teilhaber einer Stuhlfabrik, ein FDP-Mann, dem langjährigen SPD-Bürgermeister Saures geben wollte. Also überredete er seinen Tischler, für die CDU zu kandidieren, obwohl der kein Parteimitglied ist; ihm schloß sich ein zweiter Bewerber an, ebenfalls ohne CDU-Parteibuch. Auch der NPD-Kandidat, mit dem sie sich verbündeten, ist kein eingetragener Nationaldemokrat. Der CDU-Kreisverband aber billigte diese CDU-FDP-NPD-Kampffront gegen das rote Dorfoberhaupt. Er muß sich nun vor dem Parteigericht verantworten; auch der freidemokratische Stuhlbauer wird Federn lassen müssen.