Von Hansjakob Stehle

Die militärische Intervention der Sowjetunion in der Tschechoslowakei sollte angeblich der Sicherheit – der Sowjetunion, des Sozialismus, ja des europäischen Gleichgewichts – dienen. In Wahrheit hat sie tiefe Unsicherheit erzeugt – nicht nur am Schauplatz des Eingriffs und bei den westlichen Zuschauern, fast mehr noch bei den Kommunisten in aller Welt, am meisten bei den rumänischen und jugoslawischen.

Dennoch ist und war ein sowjetischer Einmarsch in Rumänien oder gar in Jugoslawien keine ernstlich drohende Möglichkeit. Nicht nur die strategische Randlage dieser Länder, Jugoslawiens Bündnisfreiheit und Rumäniens straffe Innenpolitik, die wenig Vorwände bietet, wirken dieser Gefahr entgegen. Außerdem stehen diese Länder, vor allem Rumänien, unter dem Schutz eines Paradoxes: Die tschechoslowakischen Ereignisse erlauben es der Sowjetunion und ihren Verbündeten nicht, dem ersten Streich gleich einen zweiten folgen zu lassen – mit weiteren Einbußen an Prestige und noch fataleren Folgen für die Glaubwürdigkeit oft beschworener Nichteinmischungsformeln.

Das bedeutet freilich nicht, daß sich Ceausescu und Tito ganz unbedroht fühlen. Als Kommunisten empfinden sie die sowjetische Interventen, die ideologischen Prinzipien hintanstellt, noch schmerzlicher und gefahrenträchtiger als manche westlichen Politiker, die der Moskauer Führung im stillen den Irrtum reiner Machtpolitik zugestehen. Ceausescu sprach am 23. August vom „zeitgenössischen Imperialismus“, dessen Grenze er offenbar nicht mehr mit der Ost-West-Scheidelinie gleichsetzt. Wie Marschall Tito vor zwanzig Jahren sein persönliches Prestige im Kampf mit sowjetischer Hegemonie befestigte, faßte nun Ceausescu eine ähnliche Gelegenheit beim Schopfe. Seine Rede vor dem Volk, kaum zwölf Stunden nach dem Beginn der Intervention, überbot an Heftigkeit alles, was von kritischen Kommunisten – mit Ausnahme der albanischen und chinesischen – in den folgenden Tagen geäußert wurde.

„Wir haben beschlossen, ab heute mit der Aufstellung bewaffneter patriotischer Garden zu beginnen“, verkündete Ceausescu. „Es werden sich vielleicht morgen einige Leute finden, die sagen, daß auch hier, auf dieser Versammlung, sich konterrevolutionäre Tendenzen kundgetan haben. Wir antworten, daß das rumänische Volk es niemandem gestatten wird, das Territorium unseres Vaterlandes zu verletzen ... Seht, hier steht unser ganzes Zentralkomitee, der Staatsrat, die Regierung... wir haben dem Tod ins Auge gesehen ... Seid überzeugt, Bürger Rumäniens, daß wir unser Vaterland nie verraten werden.“

Zwar hütete sich Ceausescu, dem Warschauer Pakt den Rücken zu kehren, doch zwei Tage später ließ er mit nicht weniger dramatischen Tönen die Bukarester Nationalversammlung beschließen, daß dieser Pakt „in keinem Fall und in keiner Form für militärische Aktionen gegen irgendein sozialistisches Land gebraucht“ werden dürfe und daß um militärische Hilfeleistung nur von „legalen Organen des betreffenden Landes“ angesucht werden kann. Um auch der Möglichkeit einer Fraktionsbildung in Partei und Regierung vorzubeugen, der Abspaltung von Leuten, die etwa mit Moskau liebäugeln könnten, ließ Ceausescu außerdem festlegen, daß „jede Klausel bezüglich der Stationierung verbündeter Truppen nur das Ergebnis eines ausdrücklichen Beschlusses des Parlaments“ sein kann. Geschickt verband der Parteichef so die Absicherung seiner innenpolitischen Position mit einem außenpolitischen Kraftakt gegen die fünf Interventionsmächte.

Das aber war schon der Höhepunkt der Eskalation in Worten. Während die rumänische Diplomatie in den folgenden Tagen durch stille Andeutungen in aller Welt sowjetische, ungarische und bulgarische Truppenbewegungen an Rumäniens Grenzen signalisierte, mäßigte man zugleich in Bukarest schon wieder den Ton. Am 27. August versicherte Ceausescu in einer Rede, daß Rumänien zu seinen Bündnisverpflichtungen stehe. Am 30. August spendete Ceausescu dem von Moskau diktierten Kompromiß mit den Prager Reformern gemessenen Beifall: Es sei die Pflicht aller Kommunisten der Welt, den „gegenwärtigen schweren Augenblick“ zu überwinden. Wenige Stunden später ließ sich aus Amerika Präsident Johnson mit der Besorgnis vernehmen, daß auch Rumänien etwas zustoßen könnte – und Moskau, endlich genügend verstört, beeilte sich, durch seinen Botschafter in Washington versichern zu lassen, daß dem nicht so sei.

Ceausescus Meisterstück in Balkan-Diplomatie war gelungen: Mit einer praktischen Garantie der beiden Weltmächte für Rumänien und mit der hausgemachten Gloriole eines „Retters des Vaterlandes“ ging er als bisher einziger Krisengewinnler aus diesen bösen Tagen hervor.