Von Waldemar Besson

George W. Ball: „Disziplin der Macht. Voraussetzungen für eine neue Weltordnung“; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 370 Seiten, 30,– DM.

Gescheite Bücher, von Diplomaten geschrieben, sind selten. Meist sollen sie uns belehren, wie tüchtig ihre Verfasser waren, und, hätte man sie machen lassen, wie friedlich die Welt aussehen könnte. Den Apologeten gehen die Worte leicht von der Hand; allzu häufig freilich entspricht der sachliche Ertrag nicht dem literarischen Aufwand. Hier jedoch redet einer, der seit Jahren im Zentrum der Weltpolitik wirkte, als Ratgeber und Akteur, und der doch in keiner Zeile seines Buches an Selbstüberschätzung oder sogar Selbstlob leidet. Zwischen Memoiren und wissenschaftlicher Analyse hält der Amerikaner George Ball die Mitte. Er argumentiert systematisch, und doch geht es ihm um die Deutung einer persönlichen Erfahrung.

Wer ist der Mann, der bewußt im Gegensatz zu Senator Fulbright nicht von der „Arroganz der Macht“, sondern von ihrer Disziplin spricht, dessen leidenschaftliches Bemühen der Frage gilt, wie freie Menschen ihre Macht in rationaler Weise gebrauchen können? George Ball war unter Kennedy und Johnson stellvertretender Außenminister. Heute ist er Botschafter der Vereinigten Staaten von Nordamerika bei den Vereinten Nationen. In der Debatte des Weltsicherheitsrates über die Tschechoslowakei verurteilte er voll lodernden Zornes den sowjetischen Überfall.

Ball hat die Großen dieser Welt kennen und einschätzen gelernt. Wie nahe hätte da das individuelle Porträtieren gelegen, das Addieren von Impressionen. Statt dessen durchforscht Ball die amerikanische Politik, weil er sie sich besser und rationaler für die Zukunft wünscht, und so ist ein freimütiges und doch diskretes Buch entstanden, das informiert und zugleich herausfordert. Die deutsche Ausgabe ist der amerikanischen bald gefolgt. Da Balls Opus frisch aus der diplomatischen Werkstatt kommt, entspringen auch die Ergänzungen in der deutschen Fassung keinen taktischen Rücksichten auf den deutschen Leser, sondern neueren Beobachtungen.

Schon lange galt Ball als der Europäer unter Amerikas Diplomaten. Sein Buch bestätigt diesen Ruf. Für ihn steht Westeuropa unter den Interessen Washingtons vornan. Ball schließt zwar in einem wichtigen Kapitel auch die „Dritte Welt“ in seine Perspektive ein, aber er fragt doch kritisch, ob sein Land nicht zuweilen zu viel Mühe darauf verwende, daß Kongo-Brazzaville oder Burundi nicht kommunistisch würden. Seit Dulles’ Zeiten zähle einfach alles, was nicht kommunistisch sei, zur amerikanischen Einflußsphäre. Ball zeigt, wie überspannt dieser Universalismus ist, wie töricht die improvisierten Kreuzzüge, in denen sich ein vager Heilsglaube und ein kurzatmiger Pragmatismus verbinden und so jede revolutionäre Gärung in einem exotischen Land zur Apokalypse geraten lassen.

Kein Wunder, daß Ball die amerikanische Vietnampolitik kritisiert, nicht das Engagement als solches, aber seine Kopflastigkeit, die ihm innewohnende Verwirrung der Prioritäten. Hier ist die deutsche Fassung noch instruktiver als die amerikanische, weil Ball sich eingehender mit der Bombardierung Nordvietnams auseinandersetzt. Zwei Kriege führe sein Land in Asien: einen in Südvietnam gegen den Vietcong, einen anderen im Norden gegen die Expansionsgelüste Ho Tschi Minhs. Man müsse diese Kriege jedoch trennen, wenn es eine politische Lösung geben solle. Ball empfiehlt, die Bombardierung Nordvietnams zu beenden, aber die amerikanische Position in Südvietnam zu behaupten.