Von Helmut Mader

Zwei Lyriker der mittleren polnischen Schrift-Stellergenerationsind vor allem bei uns bekannt geworden: Tadeusz Rózewicz und Zbigniew Herbert.

Man ist versucht, sie auf den ersten Blick für Antipoden zu halten und in Rózewicz den metaphernfeindlichen, abstrakten Antilyriker der „Poesie auf des Messers Schneide“ (oder, wie eine andere Formel lautet, der „Poesie der gewürgten Gurgel“) zu sehen, während Herbert die Tradition der bildhaften, sinnlichen Sprache fortführt.

Indessen zeigt sich bei genauerem Hinsehen, daß beide eine gemeinsame Haltung einnehmen: eine Gegenposition zum L’art-pour-l’art-Standpunkt, deren prinzipielle Vorentscheidung besagt, daß zur Begründung der Poesie die Poesie nicht ausreicht.

Beide verwerfen den Irrealismus und Subjektivismus in der Kunst und verlangen von der Logik des Gedichts, sie möge eine Logik für die Welt sein. Rózewicz’ „Lyrik als Aktion“ will auf die Ereignisse der Realität reagieren. Sich als „Zeuge des postumen Lebens von Gott, Teufel, Mensch – und Dichter“ begreifend, begegnet er bloß ästhetischen Werten und Erlebnissen mit Verachtung. Sein Schönheitsbegriff, bei dem er sich auf Plato beruft, koppelt die Kunst ausdrücklich an Ethik und Politik. Die Kritik, die Zbigniew Herbert an der „schwarzen Tonart der Gegenwartsliteratur“ übt, läuft auf eine Kritik der Einstellung der Autoren zur Realität hinaus. Er postuliert das „trockene Gedicht des Moralisten“, es kommt ihm auf die „Beschreibung der Gegenstände und nicht der Träume“ an, und er unterstellt, „daß die Lyrik in allen ihren anspruchsvollen Versuchen stets die Wirklichkeit zu berühren trachtet“. Der Zweifel an der Abbildbarkeit der Welt in der Sprache liegt für beide Autoren jenseits der Grenze einer noch sinnvollen Reflexion. „Man darf nicht aufhören zu glauben“, sagt Herbert, daß wir diese Welt ins Wort fassen, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen können.

Man hat Zbigniew Herbert einen Klassiker genannt. Czeslaw Milocz findet in seinen Dichtungen „fast klassische Proportionen“. Am bekanntesten wurde das Urteil des Krakauer Kritikers Jerzy Kwiatkowski; es wird beinahe überall, wo von Herbert die Rede ist, zitiert: „(Sein) Ziel ist nicht die Neuheit. Sein Ziel ist die Vollkommenheit ... Maß, Harmonie, Gleichgewicht. Gleichgewicht von Überraschung und Mitteilung, von Konstruktion und Emotion, von Gewichtigkeit des Problems und Kraft der ästhetischen Wirkung. Poetik der ausgewogenen Waagschalen.“

Wir kennen aus Herberts Prosaband „Ein Barbar in einem Garten“ seine Bewunderung für die Maler des Quattrocento, vor allem für Piero della Francesca. Was er an dessen Bildern bewundert, die „Poetik der Zurückhaltung und des Schweigens“, die „ewige Ordnung des Lichts und des Gleichgewichts“, berührt sich mit den Formulierungen Kwiatkowskis: Es gehört zu den Aspekten seiner eigenen Poesie, die die Traditionen der europäischen Moderne aufnimmt und zu einer eigenen Stilsynthese verarbeitet. Herberts Gedichte erinnern einen manchmal an so verschiedene Dichter wie Apollinaire, Auden oder Kavafis. Aber sie sind nicht epigonal, sie weisen auch nicht auf bestimmte einzelne Vorbilder hin, es ist die Gesamtheit der klassischen Moderne, von der sie getragen und geprägt sind.