Bonn im September

Die an der Invasion der Tschechoslowakei beteiligten Mächte sind immer noch damit beschäftigt, ihren Überfall zu rechtfertigen. Ihr wichtigstes Argument: Konterrevolutionäre hätten versucht, mit Hilfe der westlichen Imperialisten das Land in ihre Gewalt zu bringen. Mit namhaften Konterrevolutionären kann die Propaganda nicht aufwarten; die dafür vorgesehen waren – Dubček und Genossen – sitzen dank des geschlossenen Widerstandes der Tschechen und Slowaken noch in ihren führenden Stellungen. Dafür hält man sich jetzt an der Bundesrepublik schadlos.

Die Propagandakampagne des Ostens hat inzwischen beachtliche Ausmaße angenommen; die Behauptungen werden im Schneeballsystem angereichert. All diesen Behauptungen nachzugehen, ist ein mühsames Geschäft. Es mag daher genügen, jene Meldung zu überprüfen, mit der die Kampagne begonnen hat. Am 22. August, also unmittelbar nach der Invasion, meldete die Ostberliner Nachrichtenagentur, Teile des Andernacher Rundfunkbataillons der Bundeswehr und eine Kompanie für psychologische Kampfführung des II. Armeekorps sendeten aus einem Einsatzraum an der bayerischen Grenze zur ČSSR fingierte Erklärungen und Aufrufe an die tschechoslowakische Bevölkerung. Diese Sendungen würden von den westdeutschen Rundfunkanstalten übernommen und – ob aus Unwissenheit oder in Komplicenschaft, wurde nicht gesagt – als Sendungen der tschechischen Geheimsender weiterverbreitet.

Noch konkreter wurde die „Aktuelle Kamera“ des Ostberliner Fernsehens. Dort wurde gezeigt, wie vom Rundfunkbataillon ein Sendemast errichtet wurde. Im begleitenden Text hieß es, dieser Mast sei auf der bayerischen Seite des Böhmerwaldes aufgestellt worden. Der Sendebetrieb sei aufgenommen worden und diene „zur Anleitung der Konterrevolutionäre“. „Seit dem 22. August“, so wurde gesagt, „fabrizierte das Rundfunkbataillon 701 Aufrufe und Erklärungen, um Banden von Konterrevolutionären der ČSSR zu sammeln und zu aktiven Handlungen zu ermuntern.“

Tatsache ist, daß sofort nach der Invasion und bis in die letzten Tage hinein eine ganze Reihe von Geheimsendern in der Tschechoslowakei gearbeitet haben, die meisten davon auf der Kurzwelle, einige auf Mittelwelle. Die Sendungen konnten in der Bundesrepublik mehr oder weniger deutlich empfangen werden. Staunen rief hervor, daß so viele Sender so lange in Betrieb waren und sich durch ständige Standort- und Frequenzwechsel der Ortung durch die Sowjets entziehen konnten. Die Erklärung für dieses Phänomen ist hierzulande, daß die Besatzungstruppen nicht mit der Findigkeit und dem geschlossenen Widerstand der tschechoslowakischen Bevölkerung gerechnet hatten. Sie hatten zunächst nicht die nötige Ausrüstung mitgebracht, um die Sender aufzuspüren, und die Suchtrupps wurden von den Tschechen irregeleitet.

Da unter Ideologen nicht sein kann, was nicht sein darf, wurden diese Sender der Bundeswehr zugeschrieben – ein Verfahren, das sich im übrigen trefflich dazu eignete, um die Bundesrepublik als Friedensstörer zu charakterisieren.

Zu den Fakten: Die von der Ostberliner Nachrichtenagentur an die bayerische Grenze verlegte Kompanie für psychologische Kampfführung des II. Armeekorps ist in Ulm stationiert. Sie hat außer den normalen Funkgeräten für die interne Fernmeldeverbindung keinerlei Sender. Diese Funkgeräte arbeiten auf UKW – auf Frequenzen also, die von den tschechischen Geheimsendern so gut wie gar nicht benutzt wurden. Außerdem arbeiten die Geräte in einem UKW-Bereich, der mit normalen Rundfunkgeräten nicht abgehört werden kann. Die Reichweite beträgt etwa 20 bis 30 Kilometer. Diese Funkgeräte sind technisch für Geheimsender absolut ungeeignet.