Von Gerhard Maurer

Hochofen Nummer 4 des indischen Hüttenwerks Rourkela heißt Annapoorna, so benannt nach einer Hindi-Göttin, die für Nahrung und Wohlstand sorgt.

Der Hochofen ist Herzstück der ersten Erweiterung des in der indischen Ostprovinz Orissa mit deutscher technischer und finanzieller Hilfe erbauten modernsten Stahlwerks Südostasiens. Neue Kredite in Höhe von 400 Millionen Mark ermöglichten, daß deutsche Firmen die Ausrüstungen liefern konnten für die jetzt abgeschlossene Erweiterung der Kapazität Rourkelas von einer auf 1,8 Millionen Tonnen Roheisen pro Jahr.

Die Inder müssen jährlich 5,75 Prozent Zinsen für das in den Hochofen Annapoorna der Gutehoffnungshütte, für das Kaltwalzwerk der Siemag (Jahreskapazität 650 000 Tonnen Bleche), für die elektrolytische Verzinkanlage der Demag (Jahreskapazität 100 000 Tonnen Weißblech) investierte deutsche Kapital zahlen. Nach fünf tilgungsfreien Jahren sind die Kredite in zwanzig Jahren zu amortisieren. Dies sind nahezu bankgeschäftliche Konditionen. Wir Deutsche nennen das Entwicklungshilfe.

Die Inder griffen zu, obwohl ihre Stahlwerke bei weitem keine ausreichende Rentabilität erzielen, um solche Lasten zu tragen. Es geschah vielmehr im Vertrauen darauf, daß das ehrgeizige Industrialisierungsprogramm Devisenausgaben einsparen wird. Ungeachtet der hohen Kosten glaubt man in New Delhi, daß dies allein den hohen Aufwand rechtfertigt. Denn Indien ist ein devisenarmes Land, und der Traum von der Autarkie lockt immer noch.

Die indischen Stahlplaner verneinen die Frage, ob das zum Ausbau der Schwerindustrie erforderliche Kapital nicht besser in die Landwirtschaft geflossen wäre. Aber Indien muß knapp ein Drittel seiner Deviseneinnahmen für den Import von Nahrungsmitteln aufwenden. Die Lebensmittelhilfen der USA sind hier nicht einmal eingerechnet. Für die Förderung der Landwirtschaft und den Ausbau der Bewässerungsanlagen sind im laufenden indischen Fünfjahresplan trotzdem nur 16 Prozent der gesamten Investitionen vorgesehen. Wie in vielen Entwicklungsländern sind in Indien im Bereich der Schwerindustrie etwa viermal so hohe Kapitalaufwendungen erforderlich wie in der Landwirtschaft, um einen gleich hohen Zuwachs des Volkseinkommens zu erzielen. Trotz dieses ungünstigen Verhältnisses drängt es die Planer, immer neue „Entwicklungsmonumente“ zu errichten.

Die ausländischen Kapitalgeber drängen zumeist eifrig mit, denn schließlich wollen sie mit Hilfe ihrer Entwicklungshilfe möglichst viele Maschinen und Ausrüstungen verkaufen. Um den Hochofen Annapoorna zu bauen, waren wie in allen ähnlichen Fällen neben der ausländischen Entwicklungshilfe etwa gleich hohe Ausgaben in Landeswährung erforderlich. Dieses Geld fehlt dann bei anderen, eventuell ertragreicheren Projekten, beispielsweise bei der Verbesserung der Landwirtschaft.