Freitag, 30. August, ZDF: „Heute“

Sind keine Untermenschen gewesen, diese Russen, die man in dem eindrucksvollsten Dokument der Woche sah, dem Schmalfilm eines Amateurs, sahen nicht aus nach Walden und Schlamm, und die Tschechen auf der anderen Seite hatten nicht eben viel mit den Konterrevolutionären des Eduard von Schnitzler gemein, sahen vielmehr aus, die Russen, als wüßten sie nicht so recht, wohin mit ihren Gliedern und mit den Gewehren, gingen auf ein Haus zu, betraten den Eingang, verhielten, andere kamen herbei, sprachen mit den Zivilisten, ein Gehen und Stehen und Kommen, ein Besetzen, aber mit Scham, ein Besuch, doch mit Gewehren, sahen aus, die Russen, als genierten sie sich, taten grimmig, aber immer nur für eine Sekunde, länger reichte es nicht, er war einfach zu schwach, dieser befohlene Zorn, zu unglaubwürdig und zu lächerlich – und dabei waren sie doch mit einem Elan vom Wagen gesprungen, als gälte es, eine Stadt zu erobern: So alert und so einsatzbereit – und dann das Stehenbleiben, das Spazierengehen mit der MP, die friedlichen Leute ringsum, eine schreckliche Clownszene war das, die dieser Schmalfilm enthüllte, dieser Stummfilm, der nur ein wahrscheinlich und offenbar und möglicherweise zuließ und gerade darum so viel glaubhafter wirkte als alle verbalen Eindeutigkeiten, weil hier plötzlich die Empfindungen von Menschen anschaulich wurden, deren kommandiertes Bewußtsein zu rebellieren begann, so daß sie auf einmal innehielten mitten im Lauf und sich, nach allen militärischen Begriffen, vollkommen unangemessen verhielten, geduckt nämlich, zur Seite schielend und unkonzentriert – so, als seien sie nur aus Versehen da, als würde da etwas geprobt, ein Stück, dessen Sinn sie überhaupt nicht verstanden, ein happening mit scharfer Munition, Schüsse auf Blumen und Mädchenschleifen und alte Akten im Keller, und die anderen standen daneben, die Tschechen, mit Gesichtern, die aussahen wie das Antlitz jenes alten Mannes, der klatschte und weinte und den Kopf in den nassen Klatschhändchen barg, als er von Dubčeks Rückkehr erfuhr, sie standen daneben und verstanden es nicht, was die Russen da taten (und die Russen verstanden es auch nicht), und hatten Gesichter wie jene, die, vor Tagen befragt, warum sie hier warteten vor dem Palast und was sie denn wollten, mit ernsten Worten, in der Stimme ein großes Erstaunen, erklärten: „Aber wir wollen doch unseren Herrn Präsidenten begrüßen.“

Es gab andere Gesichter, gewiß, gab dramatischere Szenen, gab weinende Frauen, Kinder, die sehr alt aussahen, und es gab die vielen rüden Landservisagen auf Seiten der Eindringlinge, Fratzen vom Schlag jener Gasmaskenköpfe, die in Chikago vor einem mit Frauen besetzten Auto auftauchten und den Betrachter am Bildschirm über Prag nicht Saigon, über dem einen nicht den anderen imperialistischen Raumkrieg vergessen ließen – es gab andere Bilder, gewiß, aber nirgendwo wurde die Wahrheit so blitzartig deutlich wie in dieser stummen Sequenz, die von den Opfern handelte und von den Verführten. Momos