Von Esther Wallenberg

Als letztes der ehemaligen englischen Protektorate in Afrika und als 36. Land des Schwarzen Kontinents erhält Swaziland zum Wochenende seine Unabhängigkeit; es wird eine selbständige Monarchie mit Sobhuza II. als König. Swaziland, oft als die „Schweiz Südafrikas“ bezeichnet, ist der kleinste unabhängige Staat auf dem afrikanischen Kontinent: nur wenig größer als Schleswig-Holstein, seine Bevölkerung – rund 400 000 Einwohner – zählt jedoch nur ein Sechstel dieses Bundeslandes. Ungleich vielen anderen afrikanischen Staaten ist es nur von einem Stamm, den Swazis, besiedelt. Im Westen, Süden und Osten wird Swaziland von der Republik Südafrika und im Nordosten von Mozambique begrenzt; es hat keinen Zugang zur See.

Vor 200 Jahren lebten die Swazis noch in der Gegend des heutigen südlichen Mozambique. Wie andere Bantustämme wanderten sie von Norden nach Süden, während gleichzeitig die Weißen in entgegengesetzter Richtung vordrangen. König Mswati erbat kurz nach seiner Machtübernahme im Jahre 1838 die Protektion der Königin von England, in der Hoffnung, gegen die ständigen Überfälle der Zulus geschützt zu werden. Die Protektion wurde abgelehnt. Die beiden sich damals feindlich gesonnenen europäischen Gruppen im südlichen Afrika, die Buren und die Briten, steckten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Grenzen ab und legten ihre Interessensphären fest. Die Buren wollten Land haben und gewannen vom König Mbandzeni Konzessionen über nahezu das gesamte Gebiet der Swazis. England hingegen war am Handel und der Ausbeutung der Mineralien interessiert. Es hatte nicht den Wunsch, das kleine Land, das von seinen anderen Besitzungen isoliert war, zu annektieren, andererseits aber war es auch nicht bereit, die Kontrolle des Landes den Buren zu überlassen. In zwei Abkommen (1881 und 1884) zwischen der britischen und der burischen Regierung wurde daher die Unabhängigkeit des Swazis garantiert. Nach dem Burenkrieg übernahm England jedoch die Rolle des Protektors.

Das wichtigste Ereignis dieser frühen Zeit englischer Herrschaft war die Teilung des Landes im Jahre 1907: Nur ein Drittel wurde den Swazis zur Besiedlung überlassen, während zwei Drittel denjenigen als Eigentum zugesprochen wurde, die von den Königen Konzessionen zur Nutzung erhalten hatten. Die Swazis waren über diese Entscheidung verbittert. Kurz nachdem der heutige König Sobhuza II. zur Macht gelangte, nahm er den Streit um das Land mit der britischen Regierung wieder auf – doch ohne Erfolg.

Es wird erwartet, daß die Landfrage eines der wichtigsten Probleme werden kann, vor die nun die neue Regierung gestellt wird, denn immer noch besitzen die Swazis nicht viel mehr als die Hälfte des Bodens. Der Premierminister, Prinz Makhosini Diamini, verhandelte kürzlich erneut darüber in London. Dabei ging es nicht mehr um eine Revision des Gesetzes von 1907, sondern um eine Entschädigung für die damaligen Veräußerungen des Landes; sie wurde indessen abgelehnt.

Schon in den frühen fünfziger Jahren begann London, die Swazis auf die Unabhängigkeit vorzubereiten. Es wurde eine politische und wirtschaftliche Entwicklung zum modernen Staatswesen eingeleitet, an erster Stelle auf dem Gebiet des Erziehungswesens. Bis 1965 hat sich die Zahl der Grundschüler mehr als verdreifacht, die der Oberschüler sogar verzehnfacht. Heute gehen etwa zwei Drittel aller Kinder zur Schule.

An zweiter Stelle stand der Ausbau einer gesunden Infrastruktur: Straßen wurden angelegt und 1964 die erste Eisenbahnstrecke eröffnet, die Swazilands wichtigstes Exportgut, Eisenerz, quer durch das Land bis an die Grenze Mozambiques befördert, von wo es von den portugiesischen Bahnen zum Hafen Lourenco Marques weitertransportiert wird. Ein Kraftwerk für die Elektrizitätsgewinnung wurde errichtet und alle größeren Orte durch Telephon verbunden. Auf dieser Basis baute die Commonwealth Development Corporation Zuckerplantagen und -raffinerien und ausgedehnte Wälder auf, deren Holz zu Faser verarbeitet und in der Größenordnung von 100 000 t jährlich exportiert wird. Die Zoll- und Währungsunion mit Südafrika erleichterte den Zufluß von Kapital für den Aufbau kleinerer Industrien und den freien Handel mit dem großen Nachbarn, von dem nahezu alle Importe bezogen werden.