Von Inge Windschild

Welche Gefühle bewegten Sie, als Sie den Schlagbaum passierten?

LUDVIK VESELY: Ich kann das Gefühl nicht definieren. Ich war total erschöpft von den vorangegangenen neun Tagen. Es war schwer, ja. Andererseits, wenn man so lange damit gerechnet hat... wir haben jahrelang mit Gewalt gerechnet, bis zum Oktober des vergangenen Jahres. Von da an haben wir nur noch mit Schwierigkeiten gerechnet. Mit wirtschaftlichem Druck von Seiten der Sowjetunion und mit militärischen Drohungen wie den Manövern zum Beispiel. Über die Möglichkeit einer Okkupation wurde diskutiert. Aber wir haben nicht daran geglaubt. Wir glaubten, daß in der Sowjetunion immer noch die Ideologie des Sozialismus existiert. Wir haben nicht damit gerechnet, daß sie diese Maske – denn es ist nur eine Maske – vor der Weltöffentlichkeit fallen lassen und uns in ihrer schrecklichen Gestalt als brutale Großmacht entgegentreten würde. Den politischen Streit meinten wir gewinnen zu können. Daß die UdSSR ihn militärisch „lösen“ würde, haben wir einfach nicht geglaubt.

Was, glauben Sie, wäre Ihnen, Ihren Parteifreunden und Ihren Mitarbeitern geschehen, wenn Sie geblieben wären?

VESELY: Verschleppung, Kerker, Tod. An dem Morgen vor meiner Flucht saßen wir noch beisammen. Die Lage war verzweifelt. Wir fragten uns: „Hat es noch Zweck, daß wir weitermachen? Sollen wir jetzt in die Illegalität gehen?“ Die letzten Informationen hatten uns davon überzeugt, daß unsere Lage vollkommen aussichtslos ist. Seit Tagen hatten die Sowjets Sicherheitsbeamte eingeflogen. In der letzten Nacht waren eine Reihe von hohen Offizieren der Armee und wichtige Beamte des Innenministeriums verhaftet worden. Wir hatten auch früher immer damit rechnen müssen, daß wir verhaftet werden. Aber damals wußten wir, daß wir in tschechischen Gefängnissen sitzen würden. Viele von unseren Freunden haben in der Novotny’-Zeit jahrelang im Gefängnis gesessen. Aber man wußte immer, wo sie sind. Doch die Verhafteten des sowjetischen Geheimdienstes verschwinden – irgendwo in der Sowjetunion, in Sibirien. Darüber war ich mir völlig klar. Ich bin ein Realist. Das Leben eines Menschen ist sinnlos geworden, wenn er, ohne eine Spur zu hinterlassen, einfach verschwindet und keine Möglichkeit mehr hat zu arbeiten. Wir haben immer gesagt, daß wir unter einer Okkupation nicht arbeiten werden. Wir haben in den Literární listy nie gelogen. Aber bevor die Zensur aufgehoben wurde, durften wir auch nicht die Wahrheit sagen. In diese Situation wollten wir nie wieder kommen. Verstehen Sie: wenn wir das Vertrauen der Leser nicht mehr haben, können wir nicht mehr arbeiten. Das hat keinen Sinn.

Herr Vesely, in dem ersten Fernsehinterview, das Sie nach Ihrer Flucht gegeben haben, sagten Sie, daß Sie sich nicht als Emigrant sehen, sondern als Reisender ...

VESELY: Ich bin als Bürger der ČSSR mit einem ordnungsgemäßen Paß, der ein Ausreisevisum für alle Staaten der Welt enthält, in die Bundesrepublik gekommen ...