Die Lage in der Tschechoslowakei hatte sich Mitte dieser Woche soweit „normalisiert“, daß sogar die Moskauer Prawda ein spürbares Nachlassen der Spannungen konstatieren mußte, obwohl es noch zwei Tage zuvor die „Ausschaltung“ von 40 000 Konterrevolutionären verlangt hatte. Dank der „Erfüllungspolitik“ der tschechoslowakischen Führer begannen die Okkupanten mit der ersten Phase des Truppenabzuges, der in drei Stufen vor sich gehen soll. Deutsche und Ungarn sollen das Land bereits verlassen haben.

Für den völligen Abzug aus Prag stellte der sowjetische Kommandant etliche Bedingungen: Keine Studentendemonstrationen oder Trauerfeiern mehr auf dem Wenzelsplatz; Beseitigung aller antisowjetischen Inschriften, Plakate und Spruchbänder; Restauration der Wegweiser, Straßenschilder und Hausnummern. Da die Zensur wiedereingeführt wurde, hat „Literarny Listy“, das fortschrittlichste Organ des Schriftstellerverbandes, sein Erscheinen eingestellt. Einige seiner Redakteure sind – aus Furcht vor dem Geheimdienst – untergetaucht oder haben sich ins westliche Ausland begeben.

Um den Sowjets entgegenzukommen, wurden die kommunistische Führungsspitze in der ČSSR umgruppiert und der für den 9. September angesetzte außerordentliche Parteitag, auf dem die orthodoxen Kommunisten abgewählt werden sollten, auf unbestimmte Zeit vertagt. Das Präsidium des Zentralkomitees vergrößerte sich von elf auf 21 Mann. Die überwiegende Mehiheit unterstützt den Reformkurs. Im Präsidium blieben der 1. Parteisekretär Dubček, Ministerpräsident Černik, Parlamentspräsident Smyrkovsky, der Ideologe Spacek und die Reformer Erban und Mlynar. Zwei prominente Konservative, die nach dem sowjetischen Einmarsch Ton vielen Bürgern als „Verräter“ bezeichnet wurden, sind ausgeschieden: Kolder und Svestka, der ehemalige Chefredakteur von Rude Pravo. Aber nur einer der Reformer kehrte nicht ins Präsidium zurück: Frantisek Kriegel, der das Moskauer Kommuniqué nicht unterschrieben hatte und von den Sowjets als Zionist verdächtigt worden war. Für ihn wurde Präsident Svoboda als Ehrenmitglied mit Stimmrecht aufgenommen.

Nur zwei Wortführer der Konservativen blieben im Präsidium: der wegen Kollaboration abgewählte slowakische KP-Chef Bilak und Jan Pillar; beide erklärten unter Eid, sie hätten während der Okkupation nie der Ehre des Landes zuwidergehandelt. Hinzugewählt wurde der neue slowakische KP-Chef und Dubcek-Anhänger Husak. Von den anderen neuen Mitgliedern waren acht bereits von jenem geheimen Parteitag gewählt worden, den die Sowjets nicht anerkennen wollten.

Die Sowjetunion hat inzwischen in alle Prager Ministerien, ihre Verbindungsleute eingeschleust. Mehrere Minister wollen zurücktreten. Nicht nach Prag zurückgekehrt sind Wirtschaftsreformer Sik – er trat „freiwillig“ als Vizepremier zurück – und Außenminister Hajek, dem Moskau seinen Auftritt vor der UN verübelt. Mittlerweile wurde aus mehreren Quellen bekannt, wie die tschechischen Reformpolitiker in den ersten Tagen der Okkupation von den Sowjets behandelt wurden. Dubček und Černik sollen an Händen und Füßen gefesselt in ein Flugzeug geworfen sein.

Währenddessen versuchten die Sowjets, Präsident Svoboda zu erpressen, indem sie ihm mit einer blutigen Unterdrückung des Volkes und der Zerschlagung der ČSSR drohten: Die Slowakei sollte, wie unter Hitler, ein selbständiger Staat werden, Böhmen und Mähren ein sowjetisches Protektorat. Svoboda jedoch verlangte ungerührt die Freilassung seiner Genossen; wiederholt soll er seinen Selbstmord angekündigt haben.