Von François Bondy

Vor einigen Monaten hatte die „Transition“, eine Quartalszeitschrift, die seit bald sieben Jahren in Kampala (Uganda) erscheint, ein Zeugnis des wohl berühmtesten afrikanischen Dramatikers Wolo Soyinka über den nigerianischen Bürgerkrieg veröffentlicht. Soyinka, der auch in New York – „oft Broadway“ – Erfolg hatte und als einer der führenden afrikanischen Schriftsteller in englischer Sprache gilt, hatte Vermittlungsaktionen zwischen den Föderalisten und den Ibos gewagt, die Mordlust der herrschenden Offiziere gebrandmarkt. Er sitzt seither im Gefängnis. Sein „Manifest“ in der „Transition“ – einer Zeitschrift, die weit über Afrika hinaus beachtet wird – mag dazu beigetragen haben, daß der hochgefährdete Schriftsteller nicht einfach „verschwunden“ ist, wie man eine Zeitlang befürchten mußte.

Im neuesten Heft der „Transition“ – auf dem Umschlag ein stilisierter Aasgeier, der über einem Schachbrett lauert – sind wiederum Zeugnisse nigerianischer Schriftsteller erschienen. Unter ihnen Chinua Achebe, der namhafteste Romancier des schwarzen Afrikas, ein Ibo. Er war bisher der Leiter der Auslandsendungen des nigerianischen Rundfunks in Lagos und flüchtete in die Stammesheimat der Ibos – „Biafra“. Bis zum Ausbruch der Wirren vor zwei Jahren hatte er, Achebe, sich für einen Nigerianer gehalten. Nun erlebte er, daß die Leute in Lagos sagten: „Sollen doch die Ibos alle verschwinden. Dann werden die Lebensmittel billiger werden“, und fühlte sich auf einmal als Fremder in einem Land, das er für seine Heimat gehalten hatte. „Wir vom Osten“ – so sagte er – „waren es, die zuerst für ein geeintes Nigerien gekämpft haben. Heute, wo vor allem der Norden die Stammestraditionen mobilisiert hat, gibt es keine einzige Ibofamilie mehr, die nicht Furchtbares erlitten hat. Wenn offizielle Ordnungskräfte wie die Armee und die Polizei selber Massenmorde organisieren, so ist das schlimmer als der blutigste Tumult. Es ist etwas ganz anderes als Haß. Sie sprechen kaltblütig und sachlich von ‚Operationen‘.“

Auf die Frage, ob die Ibos mit den Zionisten vergleichbar seien, die sich nach dem Scheitern der für erreicht gehaltenen Assimilation auf eine eigene Heimat konzentrierten, antwortet Achebe: „Es ist ganz anders. Wir strebten nicht Biafra zu, wir wurden dahin zurückgedrängt.“ „Wenn sie selber Nigerianer (also nicht Ibo) wären, wie würden Sie es sehen?“ fragte der Herausgeber von „Transition“. Achebes Antwort: „Ich wäre wahrscheinlich in der gleichen Lage wie Wolo Soyinka: im Gefängnis.“

Peter Enahoro, der schon mit 32 Jahren Chefredakteur der meistgelesenen Sonntagszeitung von Nigerien, der „Sunday Times“, war und wenige Jahre später Chefredakteur der Zeitungsgruppe der „Daily Times“ wurde, hat seine Arbeit und seine Familie verlassen und das Exil gewählt. Er lebt zur Zeit in Köln. Im Gespräch mit der Redaktion von „Transition berichtet er über die willkürlichen Erschießungen vieler Freunde. „Ich war gerade dabei, ein Buch zum Ruhm der Armee als unserer Ordnungsgarantie zu schreiten, als diese Armee sich auflöste.“ Was geschah, kennzeichnet Enahoro als Rache des Nordens, der die korrupt verwaltete Macht verloren hatte und sie jetzt, am 29. Juli 1966, durch einen Putsch und Massenmorde zurückzuholen suchte. In der Zwischenzeit hätten zum erstenmal Personen von geistigem Rang an der Regierung mitgewirkt. „Ich sah mit Ekel, wie sich manche meiner Freunde der neuen Lage anpaßten und wie jene, die kurz davor Ironsi zugejubelt hatten, jetzt Gowon mit den gleichen Begeisterungsrufen auf den Straßen begrüßten. Ich wollte nicht Gefahr laufen, wie Soyinka meinen Paß und meine Freiheit zu verlieren, und beschloß, außer Landes zu gehen. Ich bin nicht von der Notwendigkeit einer Republik Biafra überzeugt und immer noch Föderalist. Aber Nigerien war niemals eine Nation. Wie kann man die Ibos Rebellen nennen? Gibt es ‚Rebellion‘ gegen Banditentum? Eines Tages wird meine Generation versieben, wiedergutzumachen, was die jetzt Mächtgen anrichten.“

Das dritte Zeugnis ist das eines Ibo, der sich entschieden gegen die Sezession gewandt hatte und daraufhin von der Regierung in Lagos zum Leiter einer „befreiten Provinz“ ernannt wurde. Sein Name ist U. A. Asika; er hat in Ibadan und in Kalifornien Soziologie studiert und war anschließend Hochschuldozent. Nach seiner Darstellung war die Ibo-Sezession schon einen Monat vor dem Putsch in Gang. Er selber sieht in der Urgemeinschaft keine Grundlage eines Staatswesens. Die Ibos hätten nicht die sprachliche Einheit der Yorubas und außerhalb ihrer Solidarität gegenüber anderen Stämmen nichts, was sie innerlich verbinde. An der Krise der Föderation trügen sie ebensoviel Verantwortung wie die andern großen Stämme. „1953 wollte der Westen die Sezession. 1964 war der Osten dran.“ Im Militärregime seien 70 Prozent der Offiziere Ibos gewesen, und sie hätten einen intellektuellen Überlegenheitsfimmel gehabt, der sich jedoch später angesichts der Leistungen der Haussa und Fulani-Offiziere nicht bestätigt sah. „Ich traf eine Frau in Nshukka (einem befreiten Gebiet). Sie sagte mir: ‚Eines Tages haben Gowon und Ojukwo ihren Streit in mein Dorf getragen. Warum? Sie kommen beide nicht aus meinem Dorf.‘“

Aus solchen Zeugnissen – man müßte sie freilich in allen Details gelesen haben, denn das Resümee vergröbert unvermeidlich – erwächst dem Leser nicht nur der Eindruck eines Entsetzens, sondern zugleich auch einer Komplexität, die das politische Urteil schwer macht. (So war ein älterer Bruder des exilierten Enahoros der Leiter der nigerianischen Delegation bei den gescheiterten Friedensverhandlungen in Kampala.) Nigerien war eine politische Abstraktion, aber „Biafra“ ist es – wenigstens für viele Minderheiten, auch solche, die Ibo sprechen, ohne sich als „Ibo“ zu fühlen – gleichfalls. Die Föderation hat sich als politische Ordnung nicht bewährt, der Stamm aber ebensowenig.