Egon Monk stellt sich im Hamburger Schauspielhaus vor

Von Hellmuth Karasek

Lenin hat im Zusammenhang mit der Möglichkeit einer Revolution in Deutschland an das unaustilgbare Ordnungs- und Gehorsamsbedürfnis der Deutschen gedacht und spöttisch gemeint: Schon die Eroberung eines Bahnhofs würde hierzulande daran scheitern, daß ihn die Revolutionäre nicht ohne ordnungsgemäß gelöste Bahnsteigkarten zu betreten wagen würden. Auch in unserem Selbstverständnis spielen Gehorsam als Tugend und Kadavergehorsam als Untugend eine Heldenrolle. Wenn Witze Schotten geizig, Schweizer jodelnd, Franzosen der Liebe obliegend und Österreicher gern als charmantschlampig darstellen, dann darf oder durfte man bei uns damit rechnen, daß in Scherzen über Deutsche irgendein hackensdilagender Leutnant sein „Melde gehorsamst!“ schnarrt.

Die Frage, die sich im Zusammenhang mit der ersten Premiere am Hamburger Schauspielhaus unter der Intendanz Egon Monks stellt, könnte also entweder lauten: Reichen Schlüsse über den Zusammenhang zwischen Gehorsam und nationaler Geschichte nur für ein leninsches Aperçu und deswegen nicht ganz für einen Theaterabend? Oder aber: Reicht ein Theaterabend nicht aus, um da wirkliche Zusammenhänge deutlich zu machen, und muß er sich deshalb mit halbherzigen, altbackenen und vorschnellen Kurzschlüssen begnügen?

Ich glaube, die Premiere „Über den Gehorsam“ hat sich so ziemlich zwischen beiden Gefahren verzettelt. Sie suchte zu viele Begründungen, wenn es ihr darum zu tun gewesen sein sollte, den Gehorsam schlaglichtartig mit deutschen Szenen, deutschen Wirklichkeiten zu belegen. Und sie gab zu wenige Begründungen für das ehrgeizige Unternehmen, im Gehorsam eine Wurzel deutschen Übels bloßzulegen.

Doch bevor hierfür Gründe angeführt werden, muß ein paar Mißverständnissen vorgebeugt werden. Es ist Monk nicht vorzuwerfen, daß er die Spielzeit nicht mit einem „ordentlichen Stück“ begann. Besser als mit jedem neugesichteten Calderon oder kühn interpretierten Molière, mit jeden aggressiv und anachronistisch auf heutige revolutionäre Strömungen umgemünzten „Räubern“ hätte Monk mit seinem ersten Abend dokumentieren können, welche Richtung er dem Hamburger Schauspiel zu geben gedenkt. Dies hat die erste Premiere gezeigt: Monk will sein Theater als (pädagogischen) Pfahl im Fleische der Gesellschaft verstehen. Wenn das Fernsehen live und farbig (auch wenn es nicht viele Farben zu übermitteln gab) an dieser ersten Vorstellung partizipierte, dann ist nicht etwa zu bedauern, daß die Premieren-Exklusivität gesprengt wurde, sondern allenfalls, daß damit der Erwartungsmechanismus noch höher geschraubt wurde.

„Szenen aus Deutschland, wo die Unterwerfung des eigenen Willens unter einen fremden als Tugend gilt“ – so der Untertitel des Stücks, das Monk zusammen mit seinem Dramaturgen Claus Hubalek verfaßte –, dies in alle Fernsehstuben getragen und anschließend Gegenstand einer Fernsehdiskussion: Tat sich da in Hamburg eine neue Theaterform auf, avancierte das Deutsche Schauspielhaus zur Schule der Nation?