Von Hans Krieger

Wissenschaftliche Ethik propagiert keine Werte; sie vertraut darauf, daß die menschliche Natur, wenn sie nur in Ruhe gelassen wird und nicht von klein auf verbogen, aus sich selber heraus ein Verhalten entwickelt, das dem Individuum wie der Gemeinschaft am besten entspricht. Was als das Gute und das Böse im Rahmen einer bestimmten Kultur erscheint, ist niemals das Gute oder Böse an der Natur des Menschen selber, es bezeichnet vielmehr die Pole, zwischen denen die ursprüngliche Menschennatur in der betreffenden Kultur sich zerrt. Eine moralische Ordnung, die die Natur des Menschen im ganzen annimmt, stünde folgerichtig jenseits von Gut und Böse. Wir nennen eine solche moralische Ordnung das Ethos der Liebe.“

So steht es in

Arno Plack: „Die Gesellschaft und das Böse“ – Eine Kritik der herrschenden Moral; Paul List Verlag, München; 430 S., Ln. 23,– DM, kart. 16,– DM.

Ein neuer Rousseauismus? So mag es scheinen, denn in der Tat wird hier behauptet, daß die Gesellschaft das Böse, das sie im Individuum ahndet, allererst erzeugt. Der Autor, wer weiß, würde vielleicht darauf verweisen, daß das romantische Klischee vom armen Jean-Jacques uns den Aufklärer unterschlägt, der er auch war – daß man Rousseau auch als einen Vorläufer von Herbert Marcuse lesen kann, der nur leider das Vorteilen „repressiv“ noch nicht gekannt hat. Doch das Kompromittierende der Nachbarschaft ist diesem, wie eine flüchtige Erwähnung Rousseaus erweist, sehr wohl bewußt.

Indessen: Arno Plack, Philosoph zwar von Fach, philosophiert nicht, sondern treibt Wissenschaft. Nicht Träumereien des einsamen Spaziergängers, nicht der jähe Blitz der Erleuchtung unterm Baumschatten in der Mittagshitze treiben sein kühn aufgetürmtes Gedankengebäude hervor, sondern die nüchternen Materialien der Biologen, Soziologen, Kriminologen, Mediziner, Tiefenpsychologen, Ethnologen und Kulturanthropologen. Und er verdammt nicht die Kultur zugunsten einer wie auch immer beschaffenen, von jedweder Kultur noch unverdorbenen „Natur“ des Menschen, sondern eine bestimmte moralische Kultur, die dem Menschen Gewalt antut, zugunsten einer möglichen besseren, die ihn leben läßt, wie und was er ist.

Nun wird, da solches Lebenlassen die „unbedingte sexuelle Freiheit“ für Plack nicht nur einschließe, sondern durch sie sich wesentlich deliriert, sogleich Entsetzen sich einstellen. Werden da nicht die ohnehin wankenden Grundfesten unserer gesamten Sittlichkeit zum Einsturz gebracht?