Von Stefan Lazar

Der Traum vom großen Friedensfest in Mexiko zerstob unter dem Rasseln der Sowjetpanzer in Prag. Die harte Machtpolitik zermalmte die blaue Blume Olympias. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. 1956 die blutig niedergeschlagene Revolution in Ungarn, deren Ereignisse die Olympischen Spiele von Melbourne tief überschatteten, und nun der brutale Überfall auf die Tschechoslowakei, der auch das Fest in Mexico City in Mitleidenschaft ziehen wird.

Die Sportwelt bangt um Olympia. Werden die Sommerspiele überhaupt stattfinden? Wird es zu einer verstümmelten Olympiade, zu einem Torso kommen? Zu einem gespaltenen Lager des Für und Wider vom Aktiven bis zum höchsten Gremium, dem Internationalen Olympischen Komitee?

Der Aufruf des ehemaligen tschechischen Langstreckenläufers und Olympiasiegers Emil Zatopek, die Mannschaft der UdSSR nicht in Mexiko zuzulassen und den Sowjetrussen dadurch vielleicht den schmerzhaften Stempel der Brutalität aufzudrücken, geht um die Welt. Er wird zwar offene Ohren finden, in der letzten Konsequenz jedoch wirkungslos bleiben. Doch davon abgesehen fordern die Ereignisse in der Tschechoslowakei zum Nachdenken über eine Nation auf, die sich während der vergangenen 50 Jahre nicht nur politisch, sondern auch sportlich zu einer Großmacht entwickelte, die ihre Pläne auf beiden Gebieten mit eiserner Härte verwirklichte, die ihre oft erschreckend unmoralische Handlungsweise auch beim ehrgeizigen Streben nach sportlichen Erfolgen rücksichtslos walten ließ und unmißverständlich darlegte: Für sie ist Politik Sport, und Sport ist Politik.

Olympische Sommerspiele 1952 in Helsinki. Ein Meilenstein in der Sportgeschichte unseres Jahrhunderts. Nach langjähriger Isolierung tritt die UdSSR aus der selbst gewählten Verbannung heraus und schickt ihre Sportler in die Arenen. Das Ergebnis ist verblüffend. Die Welt kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die Athleten im blutroten Trikot eilen von Sieg zu Sieg und belegen zum Schluß hinter den Vereinigten Staaten den zweiten Platz. Der große Coup ist gelungen. Die UdSSR ist zur sportlichen Großmacht avanciert. Dem freien Westen bleibt nach diesem Schock nichts anderes übrig, als nach den Geheimnissen zu forschen. Den wenigen, denen ein Blick hinter die Kulissen des Sowjetsportes gelingt, offenbart sich das erschreckende Bild einer erfolgbesessenen Sportpolitik.

Nach der Oktoberrevolution 1917 steht die Sportbewegung des ersten kommunistisch gelenkten Staates der Erde am Tage X. Fast ohne Tradition kann man beinahe von der Null-Linie aus anfangen. Die Partei entdeckt den propagandistischen Wert sportlicher Leistungen, nimmt die Initiative selbst in die Hand und verkündet die Parole: „Massensport.“ Der russische Sport erhält seine bis heute wichtigste Grundlage. Millionen betätigen sich körperlich und speien aus ihrer Reihe die Talente aus, die aber gezielt gesucht und gefördert werden. Begabung erweist sich bald als Kapital für jeden einzelnen, und eine neue Kaste wird geboren – die Staatsamateure. Ihnen stehen ungeahnte Möglichkeiten offen. Die Moskauer Sportführung erteilt jede technische und organisatorische Hilfe. Dennoch stockt die Entwicklung in vielen Sportarten. Der Mangel an Tradition und Fachkräften macht sich bemerkbar. Deshalb hatte die UdSSR aus Furcht vor Mißerfolgen, die für sie einer Blamage gleichkommen, auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1948 in London noch verzichtet. Indessen sucht sie nach Wegen, die aus der Stagnation herausführen. Die Wegweiser zeigen in die okkupierten Länder.

Die tief verwurzelte Sportkultur der Letten und Litauer kam den Russen zuerst zugute. Durch ihre Einverleibung erhält der Sowjetsport wertvolle Impulse. Dann folgten die Ungarn. Dabei konzentrierte man sich besonders auf zwei Domänen der Magyaren, auf Wasserball und Fechten. Die Russen begannen mit der Suche nach technisch einigermaßen ausgebildeten Schwimmern aus dem eigenen Reservoir. Als die Gruppe stand, reiste sie geschlossen nach Budapest. Die Ungarn waren nicht nur erstaunt, sondern auch erbost, als die „Gäste“ auf der Margaretheninsel auftauchten. Denn diese erklärten ohne Umschweife, sie wollten mit der ungarischen Wasserball-Nationalmannschaft – die schon damals mehrmaliger Olympiasieger war – zusammen trainieren.