Von Willi Bongard

Verweste Ratten in verdorrtem Gras. Ein mit brauner Fußbodenfarbe bestrichenes Frankfurter Würstchen. Flaschen, große und kleine, offene und verschlossene. Tote Bienen auf einem Kuchen. Daneben ein Laib Schwarzbrot, an einem Ende mit schwarzem Isolierband umwickelt. Ein Blechkasten, gefüllt mit Talg, darinnen ein Thermometer. Kruzifixe aus Filz, aus Holz, aus Gips, aus Schokolade. Backsteingroße Fettblöcke auf den Platten eines alten Elektrokochers. Eine Babyflasche. Braune Schokoladenriegel, mit brauner Farbe übermalt. Graue Filzstücke. Stöße von mit Kordeln verschnürten und mit braunen Kreuzen übermalten alten Zeitungen. Angeschimmelte Würste. Zwei Kochkessel, mit Draht an einem Schieferstück befestigt. Abgeschnittene Fußnägel. Ein mit Birnen gefülltes Einkochglas. Mit Filz umwickelte Kupferstangen. Wurstenden. Bunte Ostereierschalen. Gebißabdruck in Talg ...

Die Liste der Dinge, die da aus der Sammlung Karl Ströhers, des Darmstädter Wella-Fabrikanten, im Hamburger Kunstverein (vordem in der Neuen Pinakothek in München und demnächst in Tel Aviv) unter Glasvitrinen säuberlich gekramt beieinanderliegen, ließe sich um einige hundert weitere Gegenstände verlängern. Der Phantasie desjenigen, der keine Gelegenheit hat, diese Dinge zu sehen, sind keine Grenzen gesetzt. Es wäre zweifellos im Sinne des Künstlers, des Joseph Beuys, der Phantasie freien Lauf zu lassen und diese Liste zu verlängern. Wie ich Beuys kenne (oder kennengelernt zu haben glaube), würde er in einem solchen Spiel eine der Verwirklichungen seiner künstlerischen Absichten erkennen und eben diesen Prozeß, auf den er keinen Einfluß hätte, seinem Werkverzeichnis hinzufügen.

ja, ich wage die Behauptung, daß er in der vom Leser gedanklich verlängerten Kette von verwandten Realitäten die eigentliche Erfüllung seiner künstlerischen Intentionen erblicken würde. Der Leser wird, nebenbei, feststellen, daß er bald am Ende seines Lateins sein wird.

Zugegeben, Beuys mutet den Betrachtern seiner versammelten Werke einiges zu. Die Mehrzahl der Betrachter wird sich konsterniert zeigen, ein Großteil wird sich angewidert abwenden, nicht wenige werden sich auf den Arm genommen fühlen, einige mögen sich amüsiert zeigen, andere mit Verärgerung reagieren – die wenigsten werden es, werden ihn begreifen. Die Konsternierten wie die Angewiderten, die sich veräppelt Fühlenden wie die Amüsierten und Verärgerten, sie alle mögen getrost sein: Niemand, Beuys eingeschlossen, wird ihnen ihre Reaktion übelnehmen dürfen, und selbst mit den Kunstkritikern, die seine Fettecken für den „letzten schwachsinnigen Unfug“ erklären, wird man Nachsicht üben müssen. „Hauptsache“, so würde Beuys, wie ich ihn zu kennen glaube, sagen, „Hauptsache, sie reagieren überhaupt.“ Die einzige Reaktion, die ihn wahrscheinlich betrüben würde, wäre die der völligen Passivität.

Denn Beuys hat es, wie jeder Künstler seit den Höhlenzeichnern von Altamira, darauf abgesehen, etwas zu verändern, unser Bewußtsein zu verändern – und damit die Welt zu verändern.

Die – derzeit im Hamburger Kunstverein – versammelten Werke des Joseph Beuys machen es selbst den Gutwilligsten besonders schwer. Sie bedürfen sozusagen einer Gebrauchsanweisung. Die bloße Tatsache, daß sie in zwei Räumen und obendrein teilweise in Vitrinen unter Glas ausgestellt werden, erschwert den Zugang, das Verständnis. Der Sammler Ströher mag es gut gemeint haben, als er Beuys seine Arbeiten abkaufte und jetzt ausstellt. Bei Lichte aber haben die Würste, Flaschen, Batterien, Filzstücke, Fettecken und Ratten und die vielen hundert anderen Dinge, mit denen sich Joseph Beuys während der vergangenen zwanzig Jahre abgegeben hat, in einer Ausstellung nichts zu suchen; ja, sie sind hier völlig deplaciert und beschwören tausend Mißverständnisse herauf. Ein Gebäude wie das Haus eines Kunstvereins, dessen Wände normalerweise mit Kunstwerken bedeckt sind, ist ein denkbar schlechter Ort für die Begegnung mit Requisiten von Aktionen, die mit traditionellen Kunstwerken so gut wie nichts mehr gemein haben.