Auf dem gepflegten Rasen vor der einstigen Villa von Marika Rökk, dem heutigen DDR-Schriftstellerheim in Petzow am Ufer des Schwielowsees, aalte sich der bekannte Schriftsteller N. im Liegestuhl und meinte kühl: „Warum regen Sie sich auf? Sind Sie etwa Dubček und Cisar auf den Leim gegangen ...? Ich nicht. Die Partei hat zu führen, nicht zu inspirieren. Wir kennen das doch. Haben Sie die Harich-Affäre vergessen, den Verrat von Kantorowicz, Rühle und Zöger, die heute über den Kanal des Westfernsehens das gleiche fordern, was die ,Reformer‘ in Prag anstreben? Nicht, weil das jetzt in unsere Agitation paßt, sondern weil es meine ehrliche Meinung ist: Als ich Alexander Dubček im Februar zum erstenmal im Fernsehen sah, wußte ich, der Mann endet am Galgen...“

Der Literatur-Nationalpreisträger blickte gelassen über den märkischen See, offensichtlich will er nun meine Meinung hören. Ich frage mich, ob der Autor eines beachtenswerten Buches über die moralischen Probleme der jungen Generation von 1945 wirklich glaubt, was er da sagt. Er hatte in Parteikreisen Schwierigkeiten wegen seiner bürgerlichen Herkunft und Lebensweise. Sucht er nun diese Scharte auszuwetzen? Der Antwort wurde ich glücklicherweise enthoben, der Gong rief zur Mittagstafel. Er steckte sein Philips-Transistorgerät ein – eine Erwerbung nach seiner letzten Lesung im Westen – und sagte bedauernd: „Nur schade, daß unsere Sender so unintelligent berichten!“

Zwei Tage zuvor besuchte ich eine Probe im Potsdamer Hans-Otto-Theater. Im Theaterkasino kam es später zum Eklat, als die „Genossen Künstler“ heißhungrig aus einer Sitzung der SED-Betriebsgruppe stürmten. Der „Jugendliche Held“ H. saß wütend und aufgebracht am Tisch. Er schrie einen älteren Dramaturgen an: „Laß mich zufrieden, du Feigling! Warum hast du oben nicht deine Meinung gesagt. Ich bleibe dabei, der Einmarsch in das kleine Land ist eine einzigartige Schweinerei. Ich lehne diese Intervention ab; wenn ihr wollt, schließt mich aus der Partei aus!“

Man war aufmerksam geworden, der Dramaturg schlich davon. „Du mußt wissen“, so erzählte mir eine Bekannte, „H. hatte den erstaunlichen Mut, vorhin in der Parteiversammlung gegen den Einmarsch der Bruderarmeen in die ČSSR zu stimmen. Er war der einzige in der SED-Gruppe, der sich nicht überzeugen ließ. Anscheinend hat nun der Dramaturg nochmals einen Versuch gemacht, denn für die Parteileitung wird es einen schweren Rüffel geben; H. ist ja ein bekannter Schauspieler, und außerdem dreht er gerade einen DEFA-Film. Er trägt sein Herz auf der Zunge!“

Im Kino „International“ in der Berliner Karl-Marx-Allee traf ich am Sonntag, vier Tage nach der Aktion der Warschauer Vertragsstaaten, Herta M., eine alte Sozialdemokratin. Wir sprachen über den sowjetischen Film „Anna Karenina“, den wir eben gesehen hatten, dann meinte Herta M., die vor achtzehn Jahren aus ehrlicher Überzeugung von Westberlin in den östlichen Teil übergesiedelt war: „Sag einmal ganz offen, wie schätzt du denn die Situation ein?“ Wir setzten uns in das benachbarte holzgetäfelte Restaurant „Sternchen“. Herta M. war sehr bewegt.

„Weißt du, ich habe heute etwas erlebt, was mich sehr mitgenommen hat. Morgens fand ich ein Flugblatt unterm Briefschlitz. Da hieß es: Genossen, Sozialisten! Laßt nicht zu, daß der Versuch, den Sozialismus menschlich zu gestalten, von russischen Knobelbechern zertrampelt wird. Setzt euch dafür ein, daß die Bevölkerung der DDR endlich wahrheitsgemäß über die Ereignisse in Prag informiert wird. Niemand will dort die Konterrevolution. überlegt, wer dieses Gespenst immer dann heraufbeschwor, wenn es um demokratische Reformen ging!‘ “

Herta M. machte eine Pause und sah mich erwartungsvoll an. Ich sagte nichts. Die alte Genossin berichtete sichtlich bewegt weiter: