Von Jörg Eckart

Der Einmarsch von Truppen aus der Sowjetunion, der DDR und drei weiteren Ländern des Warschauer Paktes in die ČSSR ist an der Herbstmesse in Leipzig nicht spurlos vorübergegangen, obwohl kaum Aussteller fehlen und nur wenige Einkäufer ausgeblieben sind. Die besondere Lage in diesem Jahr läßt sich bereits auf der Fahrt von der Grenze in die Messestadt registrieren. Während es in früheren Jahren ohne Schwierigkeiten möglich war, zum Beispiel von der Autobahn Frankfurt–Leipzig einmal einen kleinen Abstecher nach Erfurt oder Eisenach zum Kaffeetrinken zu unternehmen, stehen heute an jeder Autobahnabfahrt mehrere Volkspolizisten, die das zu verhindern wissen. Wer über Helmstedt einreist und die Autobahn in Richtung Berlin bei Magdeburg verläßt, um die vorgeschriebene Route auf der Landstraße nach Leipzig zu benutzen, der muß sich mindestens auf eine Ausweiskontrolle gefaßt machen. Oft sind es sogar deren zwei; und sie sind gewiß keine reine Formalie.

„Der Klassenfeind schläft nicht“, ist beinahe zu einem geflügelten Wort der Funktionäre geworden. Die Bevölkerung steht dem Unternehmen in der ČSSR nach wie vor reserviert gegenüber. Viele Menschen reden und denken an Krieg, und zwar zwischen der Bundesrepublik und den Staaten des Warschauer Paktes. Selbst über der Messestadt Leipzig knallen in diesen Tagen Düsenflugzeuge beim Durchbruch durch die Schallmauer. Und auf Autobahnen und Straßen pendeln lange Kolonnen von Versorgungsfahrzeugen der Sowjetarmee und der Volksarmee.

Die Versorgung der Bevölkerung in der DDR mit den Gütern des täglichen Bedarfs wie auch mit Konsumgütern scheint gesichert, wenn man davon absieht, daß der Schimmel auf den kistenweise angebotenen Pfirsichen aus dem „Bruderland“ Rumänien auf den Umweg der Transporte um die ČSSR herum über die Sowjetunion und Polen in die DDR zurückzuführen ist. Vielen Touristen aus der DDR ging es ebenso, wenn sie aus Ungarn oder Rumänien nach dem Ende ihres Urlaubes in die Heimat zurückkehren wollten.

Mit ihren alten IFA F 9 oder auch mit ihren neueren Wartburg, Moskwitsch oder Skoda fuhren sie zum Teil aus Ungarn vier Tage lang nach Hause: durch den äußeren Zipfel der Ukraine und über die Hohe Tatra. Eine Reise durch das „kapitalistische“ Österreich oder gar durch die Bundesrepublik wäre zwar kürzer gewesen, die Funktionäre wollten aber offenbar kein Risiko eingehen und niemandem Gelegenheit bieten, eine derartige Fahrt vorzeitig zu beenden.

Trotz des gestiegenen Lebensstandards und obwohl die Touristen ohne jede Habe und ohne Geld westlicher Länder unterwegs waren, wurde den Einwohnern der DDR gerade kurz vor der Leipziger Messe mehrfach und drastisch vor Augen geführt, wieviel persönliche Freiheit im Sozialismus zugebilligt wird und wo deren Grenzen sind. Es ist erklärlich, daß besonders die Bewohner der Bezirke Karl-Marx-Stadt, Dresden und Leipzig mit ihren zusätzlichen Erlebnissen bei dem massierten Truppenaufmarsch seit Ende Mai dieses Jahres im übertragenen Sinn die Knie zittern und sie sich keinerlei Illusionen über die weitere Entwicklung hingeben.

Illusionen werden sich aber nach Ansicht vieler Funktionäre jetzt auch nicht mehr die kapitalistischen Länder machen. Der zweifelhafte moralische Ruf, den sich die Sowjetunion samt ihren Verbündeten während der letzten Augustwochen einhandelten, kümmert sie wenig – zumindest sagen sie das – im Verhältnis zu den Vorteilen, die die Okkupation der ČSSR mit sich gebracht habe. Es sei klargestellt worden, so argumentieren sie, daß es ein Aufweichen des Sozialismus nicht geben könne, ohne daß die „Verbündeten“ eingriffen. Hier seien jetzt klare Verhältnisse geschaffen und genaue Grenzen gezogen worden.