Kein anderes Land der Welt ist so vollgestopft mit bedeutender Architektur von monumentalem Charakter und von Kunstwerken früher Kulturen. Trotz der Zerstörungen und des Raubes durch die Konquistadoren blieb viel und kommt mehr und mehr zutage. Mexiko, das Land Quetzalcoatls – des weißen Gottes in der Gestalt der gefiederten Schlange – und Montezumas, das Land der Opferpyramiden und Orgelkakteen, die ein Scherz der Natur und ein Symbol der Spannkraft des Lebens inmitten der Dürre sind, ist ein Freilichtmuseum und ein aufgeschlagenes Buch der Geschichte.

Mexiko ist auch eine Stadt der Museen. Am Eingang zum Chapultepec-Park steht im üppigen Grün das Nationalmuseum für Anthropologie, das größte und modernste Museum, das es in dieser Art zur Zeit gibt, von Laien wie von Fachleuten gerühmt Es ist allein eine Reise nach Mexiko wert. Sir Philip Hendy, der Direktor der Londoner National Gallery erteilte: „Mexiko ist jetzt den USA in Museographie vielleicht um eine Generation voraus und England um ein Jahrhundert.“ Es gibt nichts, was diesem Meisterwerk aus Holz, Stein und Glas vergleichbar wäre. Selbst Fremde, Anfänger zumal, die sonst Museumsbesuche auslassen, werden gut daran tun, einzutreten und dieses Vorbild architektonischer Vollkommenheit näher zu betrachten. Es ist eine Art Volkshochschule, nur der indianischen Kultur gewidmet, nicht zu verwechseln mit Völkerkundemuseen der üblichen Art. In Bildern, viele Kopien darunter, in mythologischen Darstellungen zeitgenössischer Künstler von Rang, wie Rufino Tamayo, wird anschaulich die Geschichte des Landes erzählt. Es ist zugleich ein Schatzhaus präkolumbianischer Kunst. Der erste Saal führt in einem Schnellkurs in die Anthropologie ein, die übrigen Hallen sind den einzelnen Kulturen der indianischen Stämme gewidmet, von den Olmeken bis zu den Mayas und Azteken. Die Beschriftungen sogar sind literarische Kunstwerke, klar und profund. Der Bau hat einen arenaartigen Innenhof von der Größe eines Fußballfeldes, in den sich die durchlichteten Hallen öffnen. Der Besucher hat keine andere Möglichkeit, als immer wieder in diesen Riesenpatio hinauszutreten. Er wird überlistet, eine Atempause einzulegen von Epoche zu Epoche, damit er sich nicht strapaziert fühlt.

Vor dem Museum wacht im Park der Gott Tlaloc, der Regengott, in einen gewaltigen Steinmonolith gebannt, von Wasser umgeben, in dem die Kinder planschen. In der Nähe, auch im Chapultepec-Park, liegt das Museum für Moderne Kunst mit einem Skulpturengarten, der das Verweilen lohnt. Erst vor wenigen Jahren wurde auch dieses Haus eröffnet. Ehrgeizig, mit allen Mitteln, und manchmal gehen sie fast über ihre Kräfte, versuchen die Mexikaner aus ihrer Hauptstadt im Wettbewerb mit den Weltstädten eine sehenswerte, Reichtum ausstrahlende, wohlgeordnete Metropole zu machen.

Die reiche Zahl der Museen zwingt selbst den, der das Denkmal- und Museumsspiel begeistert mitspielt, zu strenger Auswahl. Zwei seien noch ausgewählt: Das Chapultepec-Schloß auf einer Anhöhe im Park, das jetzt auch Nationalmuseum ist, und das Anahuacalli-Museum von Diego Rivera.

Maximilian und Charlotte hatten das Schloß in ein luxuriöses Miramar verwandelt – mit Terrassen und kaiserlichen Gärten. Von dort oben reicht der Blick über die uferlose Stadt weit in die Hochebene bis zu den violett schimmelnden Bergen.

Die Rume des Keierrges sind ander mit Kostbarkeiten florentinischen und chinesischen Kunsthandwerks, wie sie es von europäischen Höfen gewohnt waren. „Maximilian kam zur falschen Zeit ins falsche Land zum falschen Volk“, interpretierte Gustavo, mein Begleiter, der mich durch dieses Museum führte.

In Nachbarräumen ist die jüngste Geschichte des Staates künstlich frischgehalten, Propagandastoff eines glühenden Patriotismus. Gleichwohl defiliert leise und ehrerbietig die Bevölkerung daran vorbei. In den Gesichtern mit den ruhigen dunklen Obsidian-Augen zu lesen, ist mindestens so interessant für den Fremden. Die Geschichte selbst spricht aus den Gesichtern. Spanische, ohnekische, toltekische oder aztekische Physiognomien und meistens eine Mischung von vielen. Manche Köpfe sind so klassisch schön, daß man sie ansehen kann wie Werke großer Künstler.