Das Arsenal der chemischen Kampfstoffe wächst – Wie harmlos ist das Tränengas der Polizei?

Von Theo Löbsack

Den Zuschauern gruselt’s: Vor ihnen, auf dem Labortisch einer amerikanischen Waffenschmiede für chemische Kampfmittel, sitzt ein Kaninchen im Versuchskäfig. Ein Chemiker öffnet die Käfigtür und läßt aus einer Pipette zwei, drei Tropfen einer Chemikalie in ein Auge des Tieres fallen. Sekunden später fällt das Kaninchen um, zuckt noch ein paarmal und liegt dann still: Tod nach zwei Minuten durch ein verflüssigtes Nervengas.

Szene zwei: Ein junger Mann, der freiwillig dazu bereit war, begibt sich vor den Augen einer Schar geladener Zeitungsleute in eine gläserne Kabine. Nachdem die Tür fest verschlossen ist, strömt ein farb- und geruchloses Gas ein. Unmittelbar darauf sinkt der junge Mann in sich zusammen. Er ist das Opfer eines Kampfgases geworden, das augenblicklich aktionsunfähig macht. Erst drei bis vier Stunden später wären seine Kräfte wiedergekehrt, hätte ihm nicht ein bereitstehender Arzt ein Gegenmittel eingespritzt. Dank des Gegenmittels erholt sich der junge Mann rasch.

Szene drei: In einem Film-Vorführraum haben sich Mitglieder des amerikanischen House Committees versammelt. Der vorgeführte Film zeigt Soldaten beim Manöver im Gelände. Der Sprecher erklärt, es handele sich um ein Experiment. Während der Vorbereitungen für ein Gefecht geraten die Männer kurzfristig mit einem Psychogift vom Typ der Halluzinogene in Berührung, das ein Flugzeug über ihren Köpfen versprüht. Sie verlieren daraufhin die Kontrolle über sich, laufen ziellos umher, vergessen völlig ihre Aufgaben. Der Sprecher kommentiert sarkastisch: „Im Hauptquartier des Generalstabes angewendet, wäre die Wirkung dieses Mittels unbeschreiblich.“

Diese drei Szenen deuten das Instrumentarium einer Waffengattung an, die in Ost und West streng geheimgehalten wird. Während das nukleare Wettrüsten offen vor sich geht, dringt über die sogenannten C-Waffen nur selten etwas in die Öffentlichkeit. Es mehren sich jedoch die Zeichen, daß beide Lager gegenwärtig verstärkte Anstrengungen machen, um auf diesem Gebiet weiterzukommen. Mehr noch: Der Einsatz abgewandelter Tränengase durch die amerikanische und französische Polizei zeigt, daß nun auch die Ordnungshüter zur chemischen Waffe greifen.

Schon im Jahre 1965 waren chemische Kampfmittel im Vietnamkrieg aufgetaucht. Trotz einer international verworrenen Rechtslage wurden sie auch im Yemen und im Irak eingesetzt. Das sogenannte Genfer Protokoll vom Jahre 1925, in dem die Unterzeichnerstaaten sich zur Nichtanwendung von erstickenden, giftigen oder anderen Gasen verpflichteten, haben zwar die Sowjetunion, England und eine große Anzahl weiterer Industrieländer unterschrieben, nicht aber die USA. Die Amerikaner stellten sich damals auf den Standpunkt, daß diese Waffen von der ganzen zivilisierten Menschheit geächtet seien und die Vereinigten Staaten sie daher auch noch nicht angewendet hätten. „Ich stelle kategorisch fest“, hieß es in einer Verlautbarung Präsident Roosevelts, „daß wir – die USA – unter keinen Umständen auf diese Waffen zurückgreifen werden, es sei denn, unsere Feinde wendeten sie zuerst an.“