Von Hans-Günter Zmarzlik

David Schoenbaum: „Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches.“ Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 389 Seiten; 28,– DM

Noch immer leben wir im Schatten des Dritten Reiches. Und so hapert es mit dem Augenmaß. Das beweist unter anderem die Fülle der falschen historischen Vergleiche, mit denen sich heute so mancher Politiker und (leider auch) Professor guten Gewissens vom Leibe hält, was genaueren Hinsehens wert wäre. Wer etwa in den studentischen Go-ins des Jahres 1968 den NS-Studentenbund von 1932 auferstehen sieht, der braucht seine Augen nicht, um zu wissen, was nottut. Für ihn ist es ein bloßes Spiel mit dem Feuer, wenn die außerparlamentarische Opposition fragt: Ob nicht die freiheitlich-rechtsstaatliche Demokratie, in der wir seit 1949 leben, zuwenig Demokratie sei, weil sie den Bürger zu mehr Ohnmacht verurteilt, als sie selbst auf die Dauer verträgt. Für ihn ist diese Frage schon der Anfang vom Ende der Demokratie überhaupt. Principiis obsta – was wäre plausibler?

Es hat offenbar die Historie noch viel zuwenig getan, um das, was sie inzwischen immerhin weiß, unter die Leute zu bringen. Zwar hat sie sich noch nicht allzulange von moralistischen Fragestellungen und apologetischen Bemühungen wirklich freigemacht; doch lange genug, um in einer beträchtlichen Zahl von Untersuchungen dem Fachmann zu demonstrieren, wieviel noch zu tun ist, wenn ein zureichendes Verständnis vom Gang der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert Allgemeingut werden soll.

Um so dringender die Forderung, die peinlich genaue und daher stets lange dauernde Mosaikarbeit der Wissenschaftler al fresco zu überholen und, wo immer sich neue Perspektiven halbwegs verläßlich auftun, schon aufs Ganze zu gehen. Ein ebenso notwendiges wie riskantes Unterfangen, weil halbes Wissen dabei unversehens die ganze Weisheit für sich in Anspruch nehmen kann.

Gelingen und Grenze solchen Zugriffs zeigt das Buch des amerikanischen Historikers Schoenbaum, dem eine Oxforder Dissertation zugrunde liegt und das zuerst 1965 erschien. Nicht neue Forschungsergebnisse sind es, die hier frappieren, wenn auch Schoenbaum Archivalien und andere Primärquellen mit Nutzen ausgewertet hat. Was sein Buch vor allem interessant macht, sind die Fragen, die es aufwirft, und die Aspekte, die es beleuchtet.

Schoenbaum fragt nach der sozialen Lebenswirklichkeit im Dritten Reich, bevor noch der Zweite Weltkrieg und Auschwitz das, was voraufging, ad absurdum geführt hatten. Gewiß: Diese zweite Phase ist von der ersten nicht zu trennen. Das Motto, unter dem man gemeinhin Geschichte betrachten sollte: „Es hätte auch anders kommen können“ – hier bedeutet es weniger als anderswo.