Von Joachim Schwelien

Washington, im September

Er gleicht einer Lerche, die schon am frühen Morgen über den Feldern jubiliert, wenn der alltagsverdrossene Mensch sich noch müde den Schlaf aus den Augen wischt: Hubert Horatio Humphrey, Vizepräsident der USA – und als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei Anwärter auf das höchste und bürdenreichste Amt im Staat. Anders als der Singvogel vermag er sein frohes Lied bis in die späte Nacht durchzuhalten; im vertraulichen Gespräch versicherte er einmal auf die Frage, was denn eigentlich sein Hobby sei, geradeheraus und unbekümmert: reden. Von dieser seiner Gabe macht er ausgiebig und meistens ex tempore Gebrauch. Er nimmt selten ein Blatt vor den Mund und kaum jemals eines vor die Augen.

Doch wer wie er Wortkaskaden auf die Menge niederprasseln läßt, in denen es von abgeschliffenen Allgemeinplätzen wimmelt, setzt sich dem Verdacht der Oberflächlichkeit aus. Zudem taucht der Zweifel auf: Ist Hubert Humphrey auch ein Mann der Tat, wie Amerika ihn in den bevorsthenden schweren Jahren der Liquidation des Krieges in Südostasien, dem Wiederaufflammen des Kalten Krieges mit der Sowjetunion, den brodelnden Auseinandersetzungen der Klassen und der Rassen in den Städten Amerikas und dem Schrei seiner entfremdeten jungen Generation nach einer moralisch überzeugenden und intellektuell mitreißenden Führerschaft braucht? Die Skepsis vieler Amerikaner vertiefte sich noch, als dieser Politiker seinen Wahlkampf angesichts der brennenden Sorgen seines Landes mit den Worten einleitete, mit ihm sei sie nun wieder da, die Politik der Freude und des Glücks.

Das ist jener Hubert Humphrey, den viele seiner Landsleute herablassend als einen Humpty-Dumpty, als Hansdampf in allen Gassen und als Leichtgewicht abtun, als den ewigen Zweitbesten oder als Korken, der zwar immer wieder aus den Wellen auftauche, hilflos aber in jede Richtung geschleudert werde, in die gerade der Wind bläst. Er genießt nicht übermäßig viel Respekt, und er wird selten ernst genommen. Doch ist er auch ein Mann, dem niemand wirklich böse sein kann?

Sein immerwährender unverzagter Optimismus, sein diesseits betonter Glauben an das Gute – darin liegt zweifellos ein beträchtliches Kapital an Überzeugungskraft. Als Volk, das den Hamletschen Zweifel scheut und des Gedankens Blässe abwehrt, das von heute auf morgen handelt und in die Zukunft mehr missionarisch als rational blickt, zeigen die Amerikaner eine noch breit vorhandene Grundhaltung, der ein Mann wie Humphrey durchaus entspricht. Wenn er am Rednerpult den Kopf mit der etwas zu hohen Stirn und dem etwas zu lang geratenen Kinn in beinahe mussolinischer Pose herrisch reckt und triumphierend den Applaus genießt, mögen viele Amerikaner sogar glauben, er verstehe die Zügel nicht nur zu halten, sondern auch straff zu führen.