Ich bin ein Mann nahe den 60 und habe in meinem Leben schon einiges durchgemacht. Ihr wißt, daß mein Leben nicht leicht gewesen ist. Doch niemals habe ich geahnt, daß noch etwas viel Schwereres, daß sogar noch schwerere Entscheidungen auf mich warteten. Die letzten Tage waren die schwersten meines Lebens. Und ich weiß, daß die kommenden Tage nicht leichter sein werden.

Wie uns die Ereignisse der letzten Tage gezeigt haben, hatten wir bei unseren früheren Bemühungen einige Faktoren unterschätzt – vor allem auswärtige und internationale Faktoren, die dann die größten und schwierigsten Komplikationen in unserer Entwicklung herbeiführten.

Es ist euch bekannt, daß die Politik unserer Partei allmählich für benachbarte sozialistische Länder zur Zielscheibe der Kritik und des Druckes geworden ist – und dieser Druck hat am 21. August, oder, um genau zu sein, in der Nacht vom 20. auf den 21. fürchterliche Ausmaße angenommen. Unser Land wurde plötzlich von einer riesigen militärischen Macht besetzt, der zu widerstehen absolut hoffnungslos und ausgeschlossen war.

Diese Situation ist in unserer Geschichte, leider, weder neu noch ungewöhnlich. Darin liegt die Tragik unserer Suche nach neuen sozialistischen Errungenschaften, die Tragik von jenen, die uns auf diesem Wege leiten wollten, die Tragik in den Bemühungen von Völkern, die große und edle Ziele verfolgten. Eine solche Entwicklung ist niemals leicht und doppelt schwer für kleine Nationen, die das doppelte Risiko des Fehlschlagens, des Frustrierens und des Mißverstehens auf sich nehmen.

Ich glaube, daß wir uns dieses Risikos bewußt waren. Ich glaube, wir rechneten damit, daß wir für all dieses auch bezahlen müßten. Aber, und das möchte ich betonen, wir haben nicht eine solche Macht erwartet, wie sie in der Nacht vom 20. zum 21. August über uns gekommen ist. Dreimal verflucht! Von diesem Augenblick an war nicht nur unsere Entwicklung seit Januar in tödlicher Gefahr, sondern buchstäblich die fundamentalsten Werte unserer Existenz – die staatliche Souveränität, die Freiheit, die Leitung unserer inneren Angelegenheiten und sogar die Existenz und Sicherheit jedes einzelnen Staatsbürgers.

Unsere Gespräche in Moskau waren außergewöhnlich. ihr wißt, daß wir dort nicht alle zur gleichen Zeit ankamen, und ihr kennt auch die Umstände, unter denen einige von uns dort ankamen und verhandelten. Ich glaube, daß ich heute nicht die Einzelheiten schildern muß. Diese Sache ist für mich, ebenso wie für den Genossen Dubček und die anderen, zu schwer und zu schmerzlich.

Wie sich jeder leicht vorstellen kann, war es äußerst schwierig, in dieser Situation Entscheidungen zu treffen. Die Besetzung unseres Landes durch die Truppen des Warschauer Paktes war eine unumstößliche Realität. Unsere Kontakte mit der Heimat waren beschränkt; wir hatten nur sehr wenig oder fast gar keine Informationen.