Im westlichen Europa, und da ist Westdeutschland nicht ausgeschlossen, hat man immer wieder hören können, das freie Wort dürfe nicht behindert werden. Dieser schönen Theorie stand dann freilich manchmal eine wenig schöne Praxis entgegen. Welcher Zeitungs-, Rundfunk- oder Fernsehmann hat nicht schon erfahren müssen, daß eine Information in dieser oder jener Sache unerwünscht sei! Mochte die Nachricht noch so korrekt, die Kritik noch so berechtigt sein, es fanden sich Interessenten ein, die gerne einen Maulkorb zur Verfügung stellten. Das freie Wort in Ehren! Doch nicht so „doll“, nicht so viel, nicht so laut...

Was hatten die Tschechoslowaken denn Schlimmeres „verschuldet“ als die Rumänen und die Jugoslawen? Alle drei Nationen verlangen gleichermaßen nach nationaler Freiheit, Alle drei schwanken im Glauben, daß die westlichen Völker, zumal die Westdeutschen, Menschenfresser seien. Aber allein die Tschechoslowakei war so weit gegangen, dem freien Wort, der sachlichen Information, der offenen Kritik an Vorgängen der Gegenwart und Vergangenheit Raum zu verschaffen. Das war zu „doll“, zu viel, zu laut.

So rollten Panzer gegen Zeitungspapier und Rundfunkwellen ...

Natürlich hatten die Diktatoren in Moskau und ihre willigen Trabanten in Ostberlin, Warschau, Budapest und Sofia auch andere Ursachen, daß sie der Tschechoslowakei jenes Schicksal bereiteten, welches sie Rumänien und Jugoslawien (diesmal noch) ersparten. Aber es herrscht kein Zweifel, daß die Sowjets es den tschechischen und slowakischen Führern als Kardinalsünde anrechneten, das freie Wort zugelassen zu haben.

So rollten die Panzer für die Zensur.

Hüten wir uns davor, daß sich in unseren Abscheu vor den sowjetischen Methoden Selbstgerechtigkeit mischt! Welche Regierung in Bonn und in den deutschen Ländern hätte nicht bei Gelegenheit schon den Versuch gemacht, das freie Wort zu unterbinden? Welche Partei, welche Organisation wäre hier außer Verdacht?

Das freie Wort, das die Sowjets den Tschechoslowaken mit brutaler Gewalt entzogen haben, ist unter freien Menschen der höchste Wert. Es mag uns ärgern, das freie Wort. Von Fall zu Fall. Eine Sünde aber, es nicht gelten zu lassen. Das ist eine der Lehren von Prag.