Hannover Bis zum 10. Oktober, Wilhelm-Busch-Museum: „Kunstpreis Kritische Grafik“

Die Heinrich-Zille-Stiftung, ein Gemeinschaftswerk von Berlin und Niedersachsen, der Wilhelm-Busch-Gesellschaft und des Fackelträger Verlags als Verwalter des Zille-Nachlasses, hatte Anfang 68 einen Preis für kritische Grafik ausgeschrieben. Eine echte Zille-Pointe: Der Wettbewerb wird von Zilles Namensvetter, dem Vorsitzenden Heinrich, offiziell protektioniert – der Bundespräsident segnet die spitzen Federn, die so gern an ihm herumkratzen. Der Aufruf hatte enormes Echo. 322 Grafiker schickten 3000 Blätter. Kritische Grafik wird nicht für die Schublade gemacht, sie braucht Publikum und Publizität. Karikaturisten in erster Linie

Rudolf Schoofs: „Israel und Vietnam, Die Schrecken des Krieges, Hommage à Goya“, Bleistiftzeichnung mit Aquarell (1967)

fühlten sich angesprochen. Kritische Grafik meint aber nicht bloß die politische und sozialkritische Karikatur, sondern, wie es in einer Pressenotiz hieß, „menschliche Probleme, engagiert dargestellt“. Den 1. Preis erhielt Rudolf Schoofs für seine Lithographienfolge „Israel und Vietnam oder die Schrecken des Krieges“. Die Jury hätte keine bessere Wahl treffen können, eben weil der tödliche Ernst dieser Kriegsgrafik 1968 mit den humoristischen Namenspatronen des Unternehmens, mit Busch und Zille, nichts zu tun hat, weil sie die Dimension andeutet, in der kritische Grafik heute effektiv werden kann. Und es wurde mit diesen Lithographien nicht bloß Gesinnung prämiiert, sondern ihre künstlerisch relevante Realisation. Der 2. Preis ging an Friedel Deventer, Peter Neugebauer (für das in der ZEIT publizierte Blatt „Vor dem Spielwarenladen“) und Kurt Halbritter (für drei ‚,Pardon“-Beiträge). Drei dritte Preise bekamen Eberhard Eggers, Arwed Gorella und Joachim Palm. Die Arbeiten der Preisträger und weitere 250 Blätter von 100 Grafikeln sind in Hannover ausgestellt, ab Mitte Oktober sind sie in Berlin zu sehen. Daß die kritische Grafik in der Bundesrepublik derzeit eine Sternstunde erlebt, wird man von den hier gebotenen Proben nicht behaupten können (einige Spitzenkräfte haben sich nicht beteiligt). Es fehlt nicht an Anlässen zur Kritik, wohl aber, nach dem Ende des „Simplizissimus“, an Publikationsorganen.

Weiterhin im Programm:

Baden-Baden Bis zum 6. Oktober, Staatliche Kunsthalle: „Pablo Picasso – Das Spätwerk“

Wehrend andere an der Lösung bestimmter künstlerischer Probleme arbeiten, malt der alte Picasso, was ihm und wie es ihm Spaß macht. Sein Spätwerk ist Gelegenheitsmalerei großen Stils, spontane Reaktion auf beliebige Motive: Atelierbesucher, Melonenesser, die Frau mit Katze, Kunstwerke. Neber 80 Bildern sind 50 Zeichnungen aus den Jahren 45 bis 67 ausgestellt.