Seit Beginn dieses Jahres ist der Aktienkurs der BASF (Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG, Ludwigshafen) um 5,1 Prozent gestiegen. Dagegen kletterte der Kurs der Farbenfabriken Bayer um etwa 18 Prozent, der Farbwerke Hoechst um etwa 13,8 Prozent. Für viele Anleger stellt sich jetzt die Frage: Ist dieser unterschiedliche Kursanstieg berechtigt, und verliert die BASF gegenüber den beiden anderen Nachfolgeunternehmen der IG Farben tatsächlich an Boden? Die BASF-Verwaltung, die sich in der Öffentlichkeit und auch von einigen Wertpapier-Analysten nicht richtig beurteilt fühlt, sagt dazu ein eindeutiges Nein.

Warum sorgt sich der BASF-Vorstand um den Kurs seiner Aktien? Nun, meine verehrten Leser, in Ludwigshafen macht man kein Hehl aus der Wahrheit. In den letzten Jahren hat die BASF einen Teil ihrer Expansion durch Übernahme fremder Unternehmen betrieben und sie fast ausschließlich mit BASF-Aktien aus dem vorhandenen genehmigten Kapital bezahlt. So war es zum Beispiel bei den Hamburger Glasurit-Werken, bei der Phrix-Werke AG. und jetzt auch bei den Nordmark-Werken.

Damit ist die Liste sicherlich nicht abgeschlossen. Vorstandsvorsitzender Prof. Bernhard Timm ließ keinen Zweifel daran, daß auf diesem Wege bald fortgeschritten wird. Noch sind für 180 Millionen Mark „genehmigtes Kapital“ vorhanden. Nicht auf der Kaufliste stehen allerdings Schering („wegen der Satzungsbestimmungen ist dort eine Einflußnahme kaum möglich“) und Wintershall („ein unsinniges Gerücht“). Es ist aber sicher, daß die BASF sich weiterhin für gute, leistungskräftige Unternehmen der pharmazeutischen Branche interessiert.

Enttäuscht hat an der Börse die Gewinnentwicklung der drei letzten Jahre, und auch mit dem ersten Halbjahr 1968 war man noch keineswegs zufrieden. Daraus ist gelegentlich der Schluß gezogen worden, die BASF habe in den letzten Jahren falsch investiert. Man stuft die BASF als Produzent von Grundstoffen und Massenerzeugnissen ein, an denen nicht ausreichend verdient wird.

Sicher ist, daß die BASF nur mit ganz wenigen Erzeugnissen direkt an den Verbraucher gelangt (zum Beispiel Magnetophonbänder). Das ist bei Bayer und Hoechst, beides bekannte Arzneimittelhersteller, anders. Der Bekanntheitsgrad beider Unternehmen hat auch einen gewissen Einfluß auf die Anlageentscheidungen des breiten Publikums, in dessen Bewußtsein die BASF nur schwer Eingang findet. Das ist noch ein Erbe der IG-Farben-Entflechtung, in der der BASF kein Verarbeitungszweig zugesprochen worden war. In Ludwigshafen ist man nun in den letzten Jahrzehnten darangegangen, die durch die Entflechtung zugewiesenen Aufgabenbereiche mit modernen Produktionsanlagen auszufüllen. Dabei wurden ansehnliche Erfolge erzielt. Es fehlte aber die Kraft, gleichzeitig noch in die Verarbeitung vorzudringen, sowohl finanziell als auch personell. Das soll jetzt anders werden.

Hunderte von Millionen sind in den lernen Jahren in Antwerpen investiert worden, wo standortgünstig auf der „grünen Wiese“ ein zweites Ludwigshafen entstanden ist. Der Aufbau bindet beträchtliche Mittel, die vorerst noch nicht zum Unternehmensgewinn beitragen. Die Belastungen werden dort aber von Monat zu Monat geringer, hinzu kommt, daß die Produktion angelaufen ist und zur Deckung der Abschreibungen beiträgt. In der zweiten Hälfte 1969 kann das Werk Gewinn beisteuern.

Eine sehr wichtige Entwicklung bahnt sich mit der Gründung der BASF-Pharma-Sparte an. Hierunter fällt nicht nur die jetzt erworbene Nordmark-Werke GmbH, Hamburg, für die 20,7 Millionen Mark in BASF-Aktien (fast 100 Millionen Mark Kurswert – oder Übernahmekurs 800 Prozent) an die Inhaber der Nordmark-Werke gezahlt wurden, sondern auch der Aufbau der Produktion von pharmazeutischen Produkten in der BASF selbst. Dort hat man ein neues Vitaminsynthese-Verfahren erfunden, nach dem bestimmte Vitamine erheblich billiger hergestellt werden können als bisher. Vorläufig handelt es sich um die Vitamine A und E. Innerhalb weniger Jahre dürfte die BASF zum zweitgrößten Vitaminhersteller in der Welt werden (nach Hoffmann La Roche in Basel). Die genannten Vitamine („ein neuer Stammbaum für unser Unternehmen“) haben vorerst ihre besondere Bedeutung im Futtermittel-, Düngemittel- und Pflanzenschutzgeschäft. Der Anwendungsbereich wird sich sicherlich noch erweitern. Schon jetzt zeichnen sich Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich der Riechstoffe und der Kosmetik ab.