Im Studio für Lebensführung geht es um den nackten Menschen

Von Marie-Luise Scherer

Berlin

Hinter dem dritten Torbogen offenbart sich das, was ein Freund des Hauses eine „seltsame Verschmelzung von Disziplin und Unbekümmertheit“ nannte. Hier, in der Hasenheide 52, in Berlin-Neukölln, „geht man auf einem wenig begangenen Seitenpfad, um nach verschütteten Lebensgütern zu suchen“. Hier residiert das Adolf-Koch-Institut: „Gymnastik für Gesundheit und frohe Laune.“ Der Nackte ist im großen Turnsaal dabei, „die Windeln der Zivilisation abzustreifen“.

„Wirbel für Wirbel auf die Erde“, singt Adolf Koch nach unbekannter Melodie und geht die harmonischen Leitern auf den Klaviertasten ab. „Jetzt tun euch wohl die Beine weh ...“ Bei dem Wort „Hopp“ ist Partnerwechsel. Und im Befehlston: „jetzt Ursel mit Otto!“ „Bitte, bitte, bitte nimm mich zu dir – ja warum denn? – Ja wieso denn? – Gerade ich mit dir?“ Dieses gymnastische Werben bringt Irmgard mit Otto zusammen. Vierarmiges Schwingen, Partnerschaftsübung. Koch sagt: „Keine Stunde ist wie die andere.“ Und: „Wenn die gegenseitige Inspiration gut ist, dann können Sie es knistern hören.“ Die Anrede „Sie“ erfährt nur der, der sich noch auf „der großen Einbahnstraße unserer kommerzialisierten Scheinkultur“ bewegt. „Herbert, du hebst das Becken ja nicht“, sagt auch die Gymnastin Ilka Falkenhahn, die an Stelle des Klaviers das Tamburin klopft und der bekleideten Volkshochschulgruppe nach der Kochschen Methodik zur Bewegung verhilft. „Na, Lotti?“ „Ilse, was macht dein Baby?“ – Die Altersspanne der Angesprochenen liegt zwischen zwanzig und beinahe siebzig. Jeder darf alles erzählen: Details aus der Hausfrauenarbeit, Einzelheiten vergangener Abende. Herbert beschwert sich über die Preise eines Tanzlokals mit Damenwahl.

In dem Erlebnisbericht „Das erste Mal“ von Albert Müller steht von „unfaßbarer Entrücktheit“ geschrieben, in die die Teilnehmer dieser Gymnastik für den Außenstehenden erhoben würden. Jedes Schwingen mit Arm und Bein sei urpersönlich. Und ohne Drill und ohne Zwang führe diese Gymnastik zu einer „echten Gebärde“.

Von den Nazis verboten