Von Ben Witter

Wir setzten uns in sein Arbeitszimmer. Durchs Fenster sah ich eine große Laube im Garten. „Dort habe ich lange gearbeitet“, sagte Heinrich Böll. „Sogar ein Bad ist vorhanden.“ Die Laube sei, wie die Wohnung, voller Bücher, und die unveröffentlichten Manuskripte lägen im Keller. „Aber ich habe sie inzwischen geordnet.“

Auf seinem Kinn und der Oberlippe standen ein paar Schweißperlen. Er tupfte sie mit dem zusammengeknüllten Taschentuch ab, trank schnell einen Schluck Tee und sagte: „Ich bin wieder gesund. Jeden Tag kam der Arzt und gab mir Spritzen. Ich gehe nicht ins Krankenhaus. Bevor ich zusammenbrach, hatte ich zwei Flaschen Wein getrunken. Ich lag im Koma. Der Arzt erkannte nicht gleich die Ursache. Meine Leber war krank, und ich hatte außerdem noch Zucker. Und ich bekam Depressionen. Bekannte, die auch leberkrank waren, sagten, die Depressionen werden vorläufig bleiben.“ Er sagte auch noch, daß er sich im Bett einen Bart habe stehenlassen. „Zu meiner Überraschung war er rötlich. Ich rasierte ihn wieder ab.“

Heinrich Böll zog seinen Regenmantel an. Als er seine Baskenmütze vom Haken nahm, sagte er: „Wir suchen zur Zeit eine Wohnung in der Stadt – und da gehe ich mit Hut, Krawatte und Schirm spazieren, sonst erkennt man mich. In der Stadt werde ich dann jeden Tag Spazierengehen. Vielleicht miete ich mir in der Nähe unserer Wohnung ein Zimmer, wo ich ungestört arbeiten kann; morgens hätte ich das Gefühl: Gleich gehst du zur Arbeit.“

Vor dem Haus zündeten wir uns die sechste Zigarette an. Ich sagte, daß ich Zigaretten nur halb rauche. „Meine Söhne tun das auch“, erwiderte Heinrich Böll. „Aber wie oft frage ich mich, ob sie auch immer genug zu rauchen haben werden – einer wird Maler, der andere Bildhauer, und der Jüngste macht demnächst sein Abitur. – Ich rauche jede Zigarette bis ans Mundstück.“

Ich sagte: „Im Krieg hielt man die Zigarette meistens in der hohlen Hand.“ Heinrich Böll schaute auf seine Hand und sagte: „Das hatte verschiedene Gründe; oft konnte man nur heimlich an einer Zigarette ziehen.“ Heinrich Böll hielt seine Zigarette in der hohlen Hand. „Ich bin ja gewissermaßen ein Stummelsammler. Kürzlich las ich, daß Picasso in einer Tasche ständig einen höheren Geldbetrag bei sich hat – weil er fürchtet, unterwegs einmal kein Geld für Zigaretten zu haben. In meinem Archiv habe ich übrigens Feuilletons über das Zigarettenrauchen gesammelt.“

Heinrich Böll ließ mich rechts gehen. „Jetzt erreichen wir den Grüngürtel, der fast ganz Köln umschließt“, sagte er. „Diesen Grüngürtel verdanken wir Konrad Adenauer. Als er Oberbürgermeister von Köln war, brachte er die Bauern allmählich soweit, der Stadt das Land dafür Stück um Stück zu Spottpreisen zu verkaufen.“