Ludvík Vesely, bis vor knapp einer Woche stellvertretender Chefredakteur der Literární listy, hat vor wenigen Tagen in einem Interview erklärt, das bitterste Gefühl auf seiner Flucht sei es gewesen, daß er so viele seiner Freunde und Gefährten auf dem gleichen Weg gewußt habe.

In der Tat: es gibt eine Emigrationswelle aus der ČSSR. Unter denen, die sie verlassen oder die eine Rückkehr im Moment nicht erwägen, sind zahllose Redakteure und Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler, an die nicht nur die Hoffnungen des „Neuen Kurses“ in Prag geknüpft waren, sondern die auch hier zu Dialog-Partnern geworden waren, von denen wir hofften, es könnte ihr Modell und Beispiel auch manche erstarrte und vermoderte Gesellschaftsform des Westens zumindest fragwürdiger, überprüfbarer machen.

Die Tatsache, daß Kohout und Klima, Vesely und Antonin J. Liehm, Svitak und Mucha, Jungman und Napravnik, Skvorecky und Vera Linhartova und viele, viele andere der intellektuellen Wortführer des Prager Sozialismus nun als Emigranten (mindestens auf Zeit) in Österreich, Jugoslawien oder Westdeutschland Zuflucht suchen mußten, läßt im Moment nur resignierende Schlüsse zu.

Unter den vielen Etiketten, die man unserem Jahrhundert anzupassen suchte, gibt es auch das verbitterte vom „Jahrhundert der Emigranten“. Es wird hier nicht angeführt, um die Tschechoslowaken, die im Moment zu Haus nicht weiterarbeiten können, als neuerliches quod erat demonstrandum anzuführen. Nur: es existieren Erfahrungen, ob es sich um lateinamerikanische Schriftsteller handelt, die der Korruptions-Sumpf ihrer heimatlichen Juntas vertrieb, oder um spanische Intellektuelle oder um die große Emigration, zu der Hitler in Deutschland fast alles drängte, was denken oder schreiben konnte.

Die geistige Austrocknung, die das hierzulande zur Folge hatte, braucht nicht ins Gedächtnis gerufen zu werden. Und ich glaube, es ist kein idealistischer Trugschluß, wenn man in ihr ein zwangsläufiges Korrelat zu dem Verbrechen, das zum System avancierte, erblickt.

Ebenso gab es bisher schon genug traurige Beispiele für das Emigranten-Geschick selbst. Der Intellektuelle, gern als wurzel- und heimatlos verschrien, bezieht seine über- und internationalen Intentionen vor allem aus nationalen Antrieben. Auch das haben die tschechischen Schriftsteller in fast allen bisherigen Interviews unmißverständlich betont.

Was jedoch als die schlimmstmögliche Wendung erscheint: Es besteht die Gefahr, daß die Vorwürfe, die heute absurderweise von der Gruppe in Moskau erhoben werden, die sich bei dem Vorgehen vom 21. August und danach durchgesetzt hat, eines Tages alles andere als absurd wirken. Von der Entwicklung zu Hause abgeschnitten, sind nicht wenige Emigrantengruppen im Laufe der Zeit in eine Isolation geraten, die sich dann in das Arsenal erstarrter politischer Argumentationen der anderen Seite einbringen ließ. Auch in dieser Hinsicht kann man nur verzweifelt hoffen, der Sozialismus möchte in der ČSSR zu der Entwicklung zurückfinden, in der er Platz für diejenigen hat, die ihm jetzt entmutigt und bedroht den Rücken kehren mußten.