Von Kai Hermann

Prag, im September

Dem heiligen Wenzel hat man die blau-rotweiße Fahne aus der Hand genommen. Schwarz weht über dem Platz, der seinen Namen trägt, der Zentrum des Landes war, seines Zorns, seiner Verzweiflung, seines Widerstandes – und nun seiner Resignation.

Die Jugendlichen haben die Kampfparolen an seinem Sockel entfernt, sorgfältig mit Rasierklingen jede Spur ihrer Auflehnung vom Marmor gekratzt. Schwarzes Tuch hängt allein an der Stirnseite. Davor ein Berg von Blumen, schwarze Kreuze auf dem Pflaster, brennende Kerzen. Ein langhaariger junger Mann und ein Mädchen in verschlissenen Jeans halten Fahnen der Trauer, bewegungslos. Jugendliche hocken auf dem Boden. Die „Halbstarken“ und „Gammler“, Studenten und junge Arbeiter, die von den Älteren einst mit dem gleichen mißbilligenden Unverständnis betrachtet wurden wie überall – und nun Symbole der verlorenen Hoffnung geworden sind. Tag und Nacht sind sie auf dem Platz. Sie leben von dem Brot, der Flasche Wasser, den Geldscheinen, die ihnen die Älteren geben.

Jene Älteren bilden eine Mauer um die Gruppe der Jugendlichen. Sie starren auf das schwarze Tuch und die Blumen. Einige zittern in jenem lautlosen Weinen, das die Menschen auf den Straßen bei der Bekanntgabe neuer Hiobsnachrichten, dem Anblick der Panzer oder der Todesanzeige an den Häuserwänden in den vergangenen Tagen immer wieder überfallen hat, ein Weinen ohne Tränen und Aufschrei.

Einige haben sich auf den Weg gemacht – irgendwohin, wo sie all dem zu entkommen hoffen. Vor den ausländischen Botschaften stehen sie stundenlang nach einem Stempel an, der ihnen die Grenzen des besetzten Landes öffnen soll. Überfüllte Züge, Autobusse und Privatwagen fahren nach Österreich. Die Insassen können meist nicht glauben, daß die Sowjets sie fahren lassen. Jenseits der Grenze, am Ziel, scheint es ihnen plötzlich klar zu werden, daß sie kein Ziel haben. Sie wollen entfliehen, aber nicht Flüchtlinge werden. Nur wenige bitten um Asyl

Kaum sind sie durch den Schlagbaum von den Panzern getrennt, da glimmt die schon erloschene Hoffnung wieder auf. Sie stehen zusammen, beteuern, daß sie zurückgehen werden. Vielleicht schon übermorgen. „Hier, das ist wie das Erwachen aus einem bösen Traum, der nicht wahr sein kann“, sagte mir jemand. „Bestimmt war alles nur ein furchtbarer Irrtum.“ Das Land brauche alle, meinte einer, der das Dach seines Wagens mit Hausrat überladen hat. Abwarten wollen sie – und zurück, sobald es wieder Sinn hat. Viele fahren schon jetzt zurück. Sie haben die Tragödie meist draußen erlebt. Die einen wollen zur Familie, die anderen glauben, daß sie irgendwie doch etwas retten können. Sie sind zuversichtlicher als jene, die die Besetzung miterlebt haben.