Fahren Sie mal nach Molat. Da ist nichts los. Nicht einmal unter Wasser. Während die anderen jugoslawischen Inseln ihre Ruhe in den Prospekten feilbieten, hat man in Molat kein Geld, Prospekte zu drucken. Und während auf Lastavo, weit draußen im Meer, Einsamkeit abenteuerlich ist, weil man sich ausgesetzt fühlt wie Sindbad der Seefahrer, wissen Sie in Molat nicht, was Sie mit sich anfangen sollen.

Fahren Sie ruhig hin, Sie werden schon sehen. Da gibt’s kein Wasser in den Häusern, und die Zisternen klingen hohl, so leer sind sie. Da muß man sich einen Eimer nehmen und den Dorfbrunnen anpumpen, wenn das Salz von der Haut bröckelt, die Haare verfilzen und die Zähne belegt sind. Da ist auch kein Markt zu finden hinter irgendeiner Ecke, so ein schöner kleiner Markt wie in Senj oder Hvar, von Zadar und Split nicht zu reden, ein Markt mit Melonen, Trauben, mit Brot und dem ledernen Nippes, dieser angeblichen Volkskunst, die von Rijeka bis Dubrovnik unisono an den Ständen baumelt.

Steilküsten zum Klettern und jagen habe ich keine gesehen. Dort, wo Sand lagern könnte, klebt oft Lehm zwischen den Steinen. In Molat zerfranst das Ufer allmählich im Wasser. Man braucht eine Taucherbrille, um eine Stelle zu finden, von der aus man springen kann, ohne in Seeigeln zu landen.

Fahren Sie, von Rijeka kommend, nach Zadar: die Uferstraße entlang, vorbei an den Schildern mit Zimmer frei oder Zimmer frie oder Zimer vrie, vorbei auch an den Mädchen, die Ihnen geklaute Feigen für drei Mark den Teller vor die Windschutzscheibe halten. Fahren Sie immer hinter den Landsleuten her, die haben inzwischen, alle gehört, daß die Adriastraße leer sein soll und verwegen gebaut. Bis Zadar haben Sie Ärger gespeichert. Dann lassen Sie Ihren Wagen vor einem Hotel am Kai stehen – da ist Schatten – und fragen, wann einer der Kähne nach Molat fährt: der Regel nach einmal am Tag und vollbepackt mit Holz, Säcken und Bauern.

Das Schiff kurvt zwischen Inseln, die kahl sind und unbewohnt. Nach zwei Stunden eine Bucht, in dieser Bucht eine Mole, auf dieser Mole zwei Dutzend Menschen, die ihre Verwandten erwarten. Nur mit Ihnen rechnet keiner, denn daß Touristen hier landen, kommt selten vor. Am Kai sehen Sie, denke ich, eine vollbusige Studentin aus Zagreb mit halblangem hellen Haar, die läßt ihre Beine ins Wasser baumeln, ist zutraulich und jedes Jahr da.

Sie sitzen auf Ihren Koffern und sehen schräg oben ein paar Häuser, keine besonders alten, ohne römischen Einschlag. Fünfundvierzig, wie der Inselbesucher später erfährt, mit vierhundert Bewohnern. Das Schiff ist weg, die Leute verlaufen sich, niemand spricht Sie an wie in Split und fragt, ob Sie ein Zimmer brauchen. Indes keine Sorge, denn Bozo Savin wird sich umdrehen, zurückkommen, Ihnen die Hand auf die Schulter legen und sagen, daß er der Vorsitzende des Touristenvereins sei, so daß Sie denken, es wäre eine Finte, schließlich könne es in diesem Kaff ein Touristenbüro nicht geben. Aber Bozo lügt nicht. Auf ihm ruhen die Hoffnungen Molats. Er kann englisch schreiben und deutsch lesen. Er ist der Intellektuelle des Dorfes, ein krankgeschriebener Seemann, der den Krieg in Australien überlebt hat. Bei ihm und bei fast allen anderen können Sie wohnen, für zwei Mark die Nacht oder auch neun Mark Vollpension. Über den Betten: Jesus unter Pappeln im Mondschein.

Wenn Bozo ihm Bescheid sagt, kann man bei Tonko essen. Zwar hat er kein Restaurant, wohl aber einen Garten mit Tischen unter den Föhren. Die Speisekarte enthält, je nach Fang, diesen oder jenen Fisch, vorzüglichen Fisch jedenfalls und immer wieder, mittags und abends, variabel berettet und ersetzbar allenfalls durch Tschewaptschitschi.