Unsere Kenntnis der Kunst des Jugendstils hat sich während der letzten fünf Jahre in größerem Umfang erweitert als während der fünf Jahrzehnte von 1914 bis 1963. Namen, die vergessen waren, werden uns wieder vertraut; verschollene Kunstwerke tauchen (oft als neue Erwerbungen) in öffentlichen und privaten Sammlungen wieder auf. Jede Publikation, auch die populäre, stellt uns neue Objekte vor Augen. Auf dem Feld der Plakatkunst sind zumindest so lange reichlich neue Entdeckungen zu machen, bis die Bestände unserer Museen an Plakaten systematisch erfaßt sind. Eine Reihe von solchen Entdeckungen enthält

„Paris 1900 – Französische Plakatkunst – 72 farbige Handlithographien aus der Sammlung der Folkwangschule“, herausgegeben und eingeleitet von Hermann Schardt; Chr. Belser Verlag, Stuttgart; 184 S., 72 Farbtafeln, 125 D-Mark.

Die Sammlung der Folkwang-Schule ist eine der kleineren Plakatsammlungen neueren Datums; sie umfaßt derzeit 350 französische Blätter. Bestände von kleinerem Umfang sind, das zeigt sich immer wieder, leichter zugänglich zu machen als die großen Kollektionen unserer Museen. In diesem Fall hat die Stadt Essen das Ihre getan, um nach dem Ankauf auch eine attraktive Veröffentlichung zu ermöglichen. Die 72 ausgewählten Plakate sind in großem Format abgebildet, ziemlich gut reproduziert, wenngleich auch nicht so gut wie in den (bis heute unübertroffenen) Standardwerken der Jahrhundertwende, dem „Sponsel“ und den „Maîtres d’Affiche“. Die Mängel der modernen gegenüber der älteren Reproduktionstechnik zeigen sich vor allem bei der Wiedergabe der Papiertöne.

Hermann Schardts Text gibt auch demjenigen Leser, der sich mit dem Thema zum erstenmal befaßt, eine verläßliche Einführung; der „fortgeschrittene“ Leser erfährt eine Menge wenig bekannter Einzelheiten, vor allem zur Kulturgeschichte, die sich in den Blättern spiegelt. In einer freien, gänzlich unsystematischen Anordnung konferiert Schardt über die Künstler, ihren Stil, ihre Bekanntschaften, ihre Erfolge; über die Gesellschaft, ihre Moden, ihre Probleme, ihre Gewohnheiten; über die Drucker und über die Technik der Farblithographie; über das Theater und die Theaterleute; über verschrobene Gesetze und über die List, sie zu umgehen.

Heinz Spielmann