Die billigste Deutschlandreise zieht viele Amerikaner an.

Mit wenig Geld, aber viel Phantasie fing es an. Als Heinz Müller im Jahre 1963 mit 23 Jahren zum Leiter des Briloner Verkehrsamtes avancierte, zählte die Stadt 100 000 Fremdenübernachtungen, der Werbe-Etat war gleich Null. Der jüngste Verkehrsdirektor in der Bundesrepublik ließ sich etwas einfallen. Nicht nach dem üblichen Schema der deutschen Fremdenverkehrswerbung („Brilon ist schön“) begann er seine Netze auszuwerfen – die Briloner wandten sich vielmehr an bestimmte Interessentenkreise mit festumrissenen Vorschlägen. Alle Gesangvereine des Einzugsgebietes wurden eingeladen, ihren Jahresausflug nach Brilon zu machen. Programm Vorschlag: Forellenessen, Stadtrundfahrt, Rundfahrt durch das Sauerland, Schlachtfest mit Tanz und morgendliches Kurkonzert.

Wer dem rheinischen Frohsinn zur Karnevalszeit entfliehen wollte, konnte das ebenfalls in Brilon tun; das Programm „Urlaub vom Karneval“ war schnell ausverkauft. „Osterurlaub mit Pfiff“ war ein weiterer pfiffiger Einfall der Briloner Fremdenverkehrswerbung. Rentner, Familien mit Kindern (die Kinder hatten freie Unterkunft) und Gourmands kamen dabei auf ihre Kosten. Die letzteren konnten für 78 Mark in den Ostertagen soviel essen, wie sie wollten, und dabei unter 200 Speisen wählen. Die 1200 Fremdenbetten in Brilon waren auch in der Nebensaison gut belegt, die Übernachtungszahl kletterte in fünf Jahren um 150 000 in die Höhe.

Neben der guten Luft, den Wäldern und Bergen waren ohne Zweifel auch die Preise ein Werbeargument der Briloner. Vollpension in Privatquartieren gibt es hier schon für elf Mark. In Pensionen liegen die Preise zwischen 14 und 18 Mark, in den Hotels zwischen 18 und 25 Mark.

Über den Preis kam Heinz Müller auch in das Amerikageschäft. Ihm halfen „eine Portion Glück, Zufall, Beziehungen, Initiative und ein guter Draht zur Lufthansa“, Brilon in das „Europacar“-Programm zu lancieren. Inzwischen beginnt es sich in Amerika herumzusprechen, daß die billigste Deutschlandreise in das drüben völlig unbekannte Städtchen Brilon im Sauerland führt. Der Preis für diese Reise ist auch für amerikanische Verhältnisse sensationell niedrig: 320 Dollar. Dafür werden geboten: Flug New York–Amsterdam und zurück, ein Mietwagen in Amsterdam am Flughafen, der für die ersten tausend Kilometer ohne weitere Kosten benutzt werden kann (jeder weitere Kilometer 20 Pfennig) und 21 Übernachtungen in Brilon. Für das Essen und alle anderen Leistungen müssen die Reisenden selbst aufkommen.

Ermöglicht wurde der 320-Dollar-Preis durch zwei Faktoren: die Lufthansa hat an den Wochenenden auf ihren Amerika-Flügen ohnehin freie Kapazitäten. So spielt es keine Rolle, wenn man amerikanische Touristen knapp über dem Selbstkostenpreis herüberfliegt. Auch die Briloner mußten ähnliche Bedingungen akzeptieren, damit der amerikanische Touristenstrom ins Sauerland fließen konnte. Heinz Müller: Man verlangte sehr viel von uns in dieser Hinsicht, aber wenn die Touristen erst einmal da sind, dann geben sie auch Geld aus.“ Diese Rechnung ging auf. Im vergangenen Jahr kamen 700 Amerikaner nach Brilon, in diesem Jahr werden es über 1500 sein.

Die neue Preispolitik im Amerikageschäft hat offenbar ganz neue Bevölkerungskreise in den USA für Überseereisen gewonnen. Die 320-Dollar-Reise ist auch für den kleinen Mann erschwinglich. So kann man in Brilon recht ungewöhnliche Äußerungen von amerikanischen Touristen hören: „Wir essen nicht jeden Tag in unserem Hotel zu Mittag. Wir sehen nach den Preisen. Heute Mittag aßen wir Bratkartoffeln und Rühreier in einem Restaurant, für den Abend besorgte ich etwas Wurst, Brot haben wir noch, dann essen wir das Abendbrot auf dem Zimmer