Folgen der sowjetischen Invasion

Von Marion Gräfin Dönhoff

Das Verhalten der Russen in der ČSSR war total irrational – was sie dort getan haben, läuft ihren eigenen Interessen zuwider.“

„Nein, ganz im Gegenteil, ihr Verhalten war streng rational, ihre Interessen erforderten die Intervention.“

Diesen Dialog konnte man während der letzten zehn Tage immer wieder hören. Für beide Standpunkte gibt es gute Argumente. Es kommt nämlich nur darauf an, ob man von machtpolititischen oder von ideologischen Aspekten spricht. Denn die Sowjetunion ist ja nicht nur die Kapitale eines großen Imperiums, sie ist gleichzeitig auch die Metropole einer ideologischen Weltbewegung.

Für den internationalen Kommunismus war das, was am 21. August und seither in der ČSSR geschah, ein schwerer Schlag. Es wird der italienischen und der französischen KP – den beiden größten kommunistischen Parteien im Westen – wahrhaftig schwergemacht, ein glaubhaftes Bild von der allgegenwärtigen Friedfertigkeit ihrer Moskauer Götter zu entwerfen. Und in der sogenannten Dritten Welt dürfte es kaum noch einen Kommunisten geben, der sich ohne Bedenken um sowjetische Hilfe bewirbt. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. hat einmal gesagt: „Die Fürsten haben der Legitimität mehr geschadet als alle Demagogen.“ Diese Einsicht läßt sich leicht auf die Moskauer Kommunisten und ihre Prinzipien ummünzen.

Ganz anders sieht die Sache aus, wenn man die Aktionen des Kremls unter nationalen, machtpolitischen Aspekten betrachtet. Und die Mehrzahl der politischen Beobachter neigt heute dazu, die Okkupation der Tschechoslowakei durch die Sowjets auf imperiale, nicht auf ideologische Motive zurückzuführen. Professor John Erickson von der Universität Edinburgh, ein Spezialist für militärische Probleme der Sowjetunion, hat in der Sunday Times nachgewiesen, daß die Russen schon bei den großen Manövern des Warschauer Paktes im Jahr 1966 („Oktober-Sturm“) die Meinung gewonnen haben, daß die tschechische Armee nicht in der Lage sei, die ihnen damals für ihren Raum zugewiesene Aufgabe zu erfüllen, nämlich während 72 Stunden hinhaltenden Widerstand mit konventionellen Waffen zu leisten. Seit 1967, so meint Erickson, habe darum die sowjetische Generalität darauf bestanden, wenigstens eine sowjetische Division an der tschechischen Westgrenze zu stationieren. Als nun zusätzlich zu den lange gehegten Befürchtungen der Militärs auch noch die Sorge Breschnjews über die Abschaffung der Zensur in Prag kam, da hätten die Generale endlich ihr Ziel erreicht.