Die Schwimmer waren seit einiger Zeit die Prügelknaben des bundesdeutschen Sports. In Utrecht vor zwei Jahren bei den Europameisterschaften gewannen sie bei den Männern nicht eine einzige Medaille! Nach der Rekordflut von Wuppertal und Schöneberg herrscht plötzlich wieder eitel Freude. Allein bei den Deutschen Meisterschaften am letzten Wochenende wurden zwei Europarekorde, sieben gesamtdeutsche und 23 bundesdeutsche Bestleistungen erzielt.

Diese „Leistungsexplosion“, so wurde bald gemunkelt, könne nicht mit rechten Dingen zugehen. Der Deutsche Schwimmverband (DSV), dessen Olympia-Inspekteur Arzt ist, ließ deshalb eine umfangreiche Dopingkontrolle durchführen, die offenbar negativ verlaufen ist.

Ein Teil der Rekordlawine kommt aber sicher auf das Konto der optimalen äußeren Bedingungen, sowohl in der „Schwimmoper“ von Wuppertal als auch in der 13-Millionen-Halle von Berlin-Schöneberg. Zum erstenmal in seiner Geschichte hielt der DSV seine (Sommer-)Meisterschaften nicht im Freien, das heißt in der Natur mit ihren Wechselfällen, sondern in der sicheren Sterilität einer geschlossenen Halle ab, wo vor allem die Temperatur des Wassers gleichmäßig hoch auf 26 Grad gehalten werden kann. Wir erleben hier etwas Ähnliches wie bei den Leichtathleten, wo bald durch die Kunststoffbahnen eine Rekordexplosion ausbrechen wird, die jetzt mit den 44,4 sec des US-Negers Matthews über 400 Meter einsetzte. Durch die Höhenlage von 2249 m am Lake Tahoe wirkte allerdings noch ein theoretischer Rückenwind von etwa eineinhalb Meter Geschwindigkeit pro Sekunde mit.

Tatsächlich aber sorgten die deutschen Schwimmer nur für optimale Bedingungen, während die Leichtathleten durch die moderne Kunststofftechnik diese Bedingungen sogar verändern und verbessern. Man denke dabei auch nur an den Glasfiberstab oder die künstlichen Anlaufbahnen für Weit-, Drei- und Stabhochsprung.

Aber schon wird von deutscher Seite der Vorwurf erhoben, die Amerikaner hätten in Long Beach in „gedoptem“ Wasser ihre Fabelleistungen erreicht. Gedopt bedeutet in diesem Fall ein Wasser, das durch höheren Salzgehalt die Schwimmer weniger tief eintauchen läßt. Ein Vorteil, den die Jugendlichen durch ihr leichteres Skelett und dadurch bedingtes geringeres spezifisches Gewicht von Natur aus besitzen. Deshalb erlebte man in Schöneberg besonders bei den „Frauen“ einen wahren „Kindergarten“ mit zahlreichen Dreizehnjährigen.

Bald werden also neben Dopingkontrollen auch noch Wasseranalysen erforderlich sein! Aber die Amerikaner werden auch dann noch klar gewinnen!

Auf dem Papier bestehen jedenfalls für keinen deutschen Schwimmer Chancen für eine Bronzemedaille, von Silber oder Gold ganz zu schweigen. Vierte Plätze hinter den Amerikanern müßten herausspringen. Tatsächlich könnte aber der Lagenschwimmer Holthaus am ehesten die amerikanische Phalanx durchbrechen und eine Medaille holen. Für Stocklasa im Delphinschwimmen und für Faßnacht, der jetzt noch erkrankte, über 1500 m wird sich nur dann eine Medaillenchance ergeben, wenn einer der Amerikaner indisponiert ist oder sie selbst sich noch steigern können.