Im besetzten Prag schlug die Stunde einer bislang unbekannten touristischen Konsequenz. Die Diszipliniertheit und Gelassenheit von Reisenden aus der Bundesrepublik ließ Spekulationen über mögliche politische Motive ihrer Gegenwart kein Quentchen Spielraum. Die Eindeutigkeit ihrer Haltung zerstreute vom ersten Augenblick an Befürchtungen nervöser Kommentatoren. Die Touristen waren Augenzeugen. Sie dokumentierten mit ihren Amateurkameras Details eines passiven Widerstands, der sie, wie alle Welt, in Bewunderung versetzte. Dennoch waren sie nie unmittelbar in die Ereignisse verstrickt, machten niemals die politische Sache der Tschechen zu der ihren, ließen sich zu keiner Unbesonnenheit hinreißen, blieben Beobachter, Fremde,

Touristen.

Im besetzten Land triumphierte der Tourismus über die politische Realität. Die Demonstration militärischer Gewalt gegen ein unbewaffnetes Volk deuchte Pauschaltouristen längst nicht beeindruckend genug, um die Kur in einem böhmischen Heilbad vorzeitig abzubrechen. Schon verbindlich vereinbarte Kuraufenthalte wurden sogar neu angetreten. Inzwischen sind die Grenzen vorübergehend ganz gesperrt. Doch deutsche Reiseunternehmen sind zuversichtlich, daß schon gebuchte Autobusreisen sehr bald weiter laufen werden.

Bis zum Aufmarsch russischer Panzer auf dem Wenzelsplatz hatte das Reiseziel Tschechoslowakei zusehends an Anziehungskraft gewonnen. In der ersten Hälfte dieses Jahres kamen über 400 000 Touristen aus westlichen Ländern, darunter 123 000 Reisende aus der Bundesrepublik (Zuwachsrate gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahrs: 21 Prozent).

Wenn es wieder möglich ist, dürfte ähnlich wie in Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg, ein Besucherstrom aus Sympathie, Neugier und Sensationslust einsetzen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Wenn ...

Schon wegen der Stornierungsgebühren, die beim Absagen einer Reise verlangt werden, entschließen sich viele Touristen, die schon eine Reise gebucht haben, lieber zu fahren. Wahrscheinlich werden aber viele Reisende, die erst in den nächsten Wochen oder Monaten in den Ostblock wollten, zunächst einmal abwarten. Vor allem. Rumänien scheint unsicher. Wie bei der Nahostkrise wird die Reaktion auf die politischen Ereignisse sich im Touristenverkehr erst später abzeichnen. Der Schock wird auf Monate hinaus wirken.

Die soeben für die Winterreisesaison erschienenen neuen Prospekte sind zum Teil schon überholt, die betonten Anpreisungen der Hohen Tatra klingen wie Hohn.