Der gewaltige Aufmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei, vor allem im östlichen Teil, soll offensichtlich nicht nur die Prager Reformkommunisten, sondern auch die „Ketzer“ in Belgrad und Bukarest einschüchtern. Während in NATO-Kreisen die Zahl der Okkupationstruppen in der ČSSR auf etwa 24 Divisionen oder rund 250 000 Mann geschätzt wird, hat der Prager Verteidigungsminister Dzur die Zahl von 650 000 Mann genannt. Nach anderen Quellen sollen in der ČSSR 7000 Panzer und 1000 Flugzeuge eingesetzt worden sein. An der rumänischen Ostgrenze sind angeblich 14 sowjetische Divisionen aufmarschiert.

Nachdem Präsident Johnson in einer aufsehenerregenden Rede die Sowjetunion davor gewarnt hatte, auf dem Balkan abermals „die Hunde des Krieges“ loszulassen, beeilten sich die sowjetischen Botschafter in Washington und Paris, Gerüchte über einen bevorstehenden Einmarsch nach Rumänien zu dementieren. Hartnäckig hielten sich jedoch Gerüchte, die Sowjetunion verlange nach dem Vorbild der ČSSR Stabsmanöver des Warschauer Pakts auf rumänischem Boden.

Die sowjetische Pressekampagne hat sich inzwischen von Rumänien auf Jugoslawien verlagert. In Bukarest gibt man sich offiziell gelassen; Partei- und Staatschef Ceausescu milderte seine abfälligen Äußerungen über das sowjetische Vorgehen in der ČSSR. Die neugeschaffene Arbeiter- und Bauernmiliz bereitet sich jedoch auf den Ernstfall vor. China hat den Rumänen Unterstützung zugesagt, angeblich sogar militärischen Beistand. Außenminister Manescu, der Präsident der UN-Vollversammlng, wurde nach Gesprächen mit US-Außenminister Rusk und dem Foreign Office nach Bukarest zurückgerufen.

In Rumänien befürchtet man, die 80 000 Bulgaren in der Süddobrudscha und die 1,5 Millionen Ungarn in Siebenbürgen könnten die Gunst der Stunde nutzen und einen Anschluß an ihre Mutterländer fordern. Ein Verlust Siebenbürgens, wo sich wichtige Industriekombinate befinden, würde die Wirtschaftspläne Rumäniens ernstlich gefährden. Treu zur Regierung stehen auf jeden Fall die 400 000 Siebenbürgendeutschen. 350 deutsch-rumänische Intellektuelle legten in Bukarest den „Rütli-Schwur“ ab, („Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben!“).

Für die jugoslawische Armee wurde ebenfalls „erhöhte Verteidigungsbereitschaft“ angeordnet. Während Truppen an die ungarische und bulgarische Grenze verlegt wurden, nahm Marschall Tito zu den USA, Italien und der Türkei Kontakte auf.