Von Ernst Richert

von allen Staaten des Sowjetblocks ist die DDR wohl neben Bulgarien am wenigsten von den August-Ereignissen zwischen Cierna und Moskau betroffen. Spekulationen, wonach Ulbricht nun vom Kreml grünes Licht für ein Scherbengericht gegen seine „liberalen Widersacher“ erhalten habe, haben keinen Anschein von Wahrheit für sich. Es gibt im DDR-Establishment keine Liberalen; und seit 1956/57 hatte keinerlei öffentliche oder gar veröffentlichte Meinung Gelegenheit, dieses fest unter Kontrolle des inneren SED-Führungskerns befindliche Establishment in Frage zu stellen.

Robert Havemann, Stefan Heym und Wolf Biermann sind Außenseiter; ihr kritischer Kommunismus (denn sie alle sind selbstverständlich Kommunisten, wie auch Christa Wolf) hat kein Forum. Die brisanten Diskussionen der Gesellschaftswissenschaftler haben Zeitzünder und finden nur in den wissenschaftlichen und Hochschulzeitschriften statt. Die Kommunikation mit den ideologischen und ökonomischen Reformern in Prag und Bratislava war erstaunlich gering.

Das erstaunlich geringe Maß von innerer Anteilnahme der studentischen Jugend Ostberlins an den Vorgängen um die außerparlamentarische Opposition in Westberlin, einschließlich des SDS, kennzeichnet den Grad, in dem die junge DDR-Intelligenz in das System integriert ist: extrem versachlicht, orientiert auf Leistung, die materiell und sozial honoriert wird.

Die Jungen sind den an sie gestellten Anforderungen im wesentlichen gewachsen; das NÖS – das „ökonomische System des Sozialismus“, wie es neuerdings heißt – funktioniert recht gut (am besten im ganzen Sowjetblock). Die Freigabe von mehr Entscheidungsraum mit zunehmender Dezentralisierung (letzteres ein Ausdruck, gegen den sich die Führung sperrt) gibt ihnen zusätzliche Anreize. Und wären nicht die Informationsenge, die Unmöglichkeit für den Normalbürger, in den Westen zu reisen, und das dämmernde, kontroverse Relikt der deutschen Frage: sie könnten in ihrer kleinen Welt, die sie aus dem Schutt der Demontagen im Schweiß ihres Angesichts und mit wenig Hilfe von außen errichtet haben – worauf sie stolz sind – voll zufrieden sein. Ein Überspringen der Funken von Prag und Bratislava erschien, so gesehen, sehr unwahrscheinlich.

Dennoch will die Vermutung nicht zur Ruhe kommen, daß Ulbricht neben der Garde um Breschnjew und den sowjetischen Militärs ein Hauptinitiator der Intervention gewesen ist. Und zum mindesten spricht die Unverschämtheit, mit der sein Chefideologe Hager den tschechischen Liberalisierungsprozeß schon im März zu schulmeistern für nötig befand, dafür, daß der SED-Führungskern durch die Vorgänge überaus irritiert worden ist. Die Einheit des „sozialistischen Internationalismus“ wurde nicht von ungefähr beschworen.

Nur: Wer war (und ist) der Adressat? Ging es wirklich vornehmlich um ideologische Fragen? Oder sollte es vielmehr um Fragen der Macht- und vor allem Bündnispolitik gegangen sein, um das seit der Karlsbader Konferenz der Warschauer-Pakt-Staaten permanente Trauma, der Kreml könnte aus Gründen politischer Opportunität ein zweites, ein drittes Rumänien zulassen und damit auf die Dauer ein Gefälle, das das Sozialexperiment des DDR-Staats-Kunstgebildes ungleich substantieller hätte bedrohen können als die national- oder nationalitätenstaatlichen Volksdemokratien? Die Emanzipation Rumäniens war nur alarmierend. Eine liberalisierte, nach Westen geöffnete ČSSR hingegen, die die Führung in Moskau zuließ, mochte den Erdrutsch einleiten. Und ein Politbüro der KPdSU, das in distanzierter Beobachtung zugesehen hätte, statt von sich aus das Tempo und den Zeitplan festzulegen, wann allenfalls die Revolution ihre Kinder als mündige Sozialisten aus der Kollektivität diktatorialer parteilicher Erziehung entlassen dürfe, hätte die Parteiführungen in Warschau, Sofia und Ostberlin (Budapest ist ein ganz anderer Fall) unsäglich bedroht.