Von Lilo Weinsheimer

Essen

Das Wimmern kam vom Fenster. Ein Tier? Kein Tier. Ein Mensch, ein Mädchen, fünfzehn Jahre alt, in die Fensteröffnung gepreßt. Ein Mann daneben mit schlagbereiten Fäusten. Sekunden zuvor hatte unten im Halbdunkel des Barackenflurs jemand geschrien: „Oben wird die Elke von ihrem Stiefvater vertrimmt.“ Mit drei Sprüngen hatte mein Begleiter die Steinstiege gestürmt. Erste Wahrnehmungen im Zimmer: das Mädchen am Fenster; der Mann; eine Frau, hochschwanger, in eine Stuhllehne verkrallt; zwei plärrende Kinder auf dem Boden; klebrige Hitze; vom eingeschalteten Fernsehgerät der Werbespot einer Zigarettenfirma.

Das Mädchen erkannte meinen Begleiter, rief schrill seinen Namen. Erstarrung der Akteure einen Atemzug lang. Nachbarn drängten durch die offene Tür. Der Stiefvater, abgedrängt von dem Mädchen inzwischen, schrie Drohungen, die Schwangere lag am Hals einer dicken Frau, Elke am Fenster leierte mit steinernem Gesicht in das Getöse: „Ich haue ab.“

Mein Begleiter erbat ein Glas Wasser von Elkes Mutter. Die Schwangere nahm ein Stück Kamm aus ihrer Kitteltasche, fuhr sich durch die Haare und befahl: „Raus alle. Der Herr und das Fräulein können bleiben.“ Elke und der Stiefvater taxierten einander wie Ringkämpfer aus entfernten Ecken. Frau B., Demut im Blick, ging zum Kühlschrank, brachte eine Flasche Mineralwasser, zwei Gläser vom Abwaschbrett, goß ein, bot uns Platz am Tisch an.

Gänzliche Stille für eine Minute. Nach der Atempause ein neuer Ausbruch, gedämpft durch Erschöpfung diesmal. Drei von neuntausend, die in zwanzig Obdachlosensiedlungen einer Großstadt Nordrhein-Westfalens zu Hause sind, würgten ihr Leben heraus.

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