Im Bauamt von Mari – Courage, eine Frage des Titels und der Position

Von Nina Grunenberg

Es gibt keine Gleichheit im Unrecht“, ist eine stehende Redewendung von Amtsbaucberamtmann Weck, „was dem einen erlaubt ist, darf der andere sich noch lange nicht herausnehmen.“ Mit diesem Argument schmettert er Bauherren ab, die Dispense von der Norm begehren – weil der Nachbar sie auch bekommen hat.

Diesmal aber dient seine Redensart eher der eigenen Behörde zum Trost. Der Trost ist freilich mager, und niemand kann lachen, ich ausgenommen. Ein Gefühl der Schadenfreude läßt sich nicht ganz unterdrücken; denn heute erlebe ich das Bauamt in der Rolle des Bauherrn und des Bittstellers bei der Landesbaubehörde Ruhr, der vorgesetzten Aufsichtsbehörde – und da geht es ihm nicht besser als jedem Bürger auch.

In Marl soll das dritte Gymnasium gebaut werden. Vier preisgekrönte Entwürfe, die aus einem Wettbewerb hervorgingen, stehen zur Wahl. Der Stadtrat hat sich noch für keinen entschieden; und die Verwaltung möchte erst herausfinden, für welchen Entwurf die Aufsichtsbehörde den Bauschein genehmigen würde. Obwohl die Architekten des Hochbauamtes drei der vier Entwürfe schon umgearbeitet haben, sind da immer noch Befreiungen von baupolizeilichen Vorschriften notwendig. Und heute ist ein vorgesetzet Baupolizist gekommen, sich die Pläne anzusehen.

Erwartungsvoll haben sich die Amtsleiter, an ihrer Spitze Dezernent Pieper, in einem Ausstellungssaal des Rathauses um ihn versammelt. Gemeinsam schreiten sie die Pläne ab. Das erste Wort des Baupolizisten fällt wie ein Stein in die Stille. „Das geht ja nicht“, sagt er, als er den ersten Entwurf sieht. „Das geht ja nicht.“ Die Treppen und Fluchtwege entsprechen nicht den Bestimmungen.

Nicht Schritt gehalten