Von Joachim Schwelien

Washington, im September

In der politischen Publizistik Amerikas wird häufig der deutsche Begriff „Realpolitik“ verwendet, wenn über das Verhalten der Deutschen und ihre Geschichte ausgesagt werden soll, daß sie in kalter Anpassung an die Gegebenheiten, durchdrungen von Blut und Eisen, getränkt mit einem Schuß Machiavellismus und in zynischer Mißachtung luftiger Ideale geprägt worden ist. Genau in diesem Sinn hat sich die Mehrheit ist. Parteitages der Demokraten in Chikago des „Realpolitik“ entschieden.

Obgleich eine starke Minderheit von vierzig Prozent der stimmberechtigten Delegierten für eine „Friedensplattform“ über Vietnam im Wahlkampfprogramm eintrat, wurde jedes Zugeständnis an die Einsicht abgelehnt, daß die bisherige Kriegspolitik fehlgeschlagen sei und korrigiert werden müsse. Die Demokraten und Lyndon Johnson als Noch-Wortführer der Vereinigten Staaten können und wollen nicht eingestehen, daß sie sich in Südostasien an der falschen Stelle mit den falschen Mitteln überengagiert haben; sie nehmen „realpolitisch“ auf die trutzige Mehrheitsstimmung des „im Felde unbesiegt“ Rücksicht und formulieren für ihren Präsidentschaftskandidaten ein Vietnamprogramm, das von dem seines republikanischen Rivalen kaum zu unterscheiden ist.

Das gleiche gilt für die innenpolitischen Leitsätze der Demokraten, in denen „Recht und Ordnung“ als Schutzschild gegen die „Gewalttätigkeit der Straße“ – lies: das Aufbegehren der Farbigen gegen ihre rassische Diskriminierung und soziale Knechtung – aufgebaut werden. Was hilft es da, daß Hubert Humphrey in perlender Rhetorik hinzusetzt, er werde die Brutalität der Polizei ebensowenig dulden wie den Terror der Gewalt? Auch hier verschreiben sich die Demokraten der realpolitischen Einsicht in die Stimmung im weißen Bürgertum, das des Aufruhrs in den Slums und Gettos müde ist und zu den Republikanern oder zu George Wallace überzulaufen droht, wenn die demokratische Führung nicht hart genug mit dem Holzstock zuschlägt oder zuwenig Tränengasbomben in die Reihen der Aufrührer schleudert.

Die „Realpolitik“ hat sich schließlich in den außenpolitischen Kernsätzen beider Parteien und ihrer Fahnenträger durchgesetzt. Richard Nixon zeigte sich – vor den Ereignissen in der Tschechoslowakei – überzeugt, das Zeitalter der Konfrontation zwischen Amerika und der Sowjetunion sei der Ära der Verhandlungen gewichen, in denen Amerika allerdings von einer Position der Stärke aus sprechen müsse. Nicht viel anders hört sich das bei Humphrey an, wenn er in den Saal schmettert, Amerika müsse über die Eindämmung zur Kommunikation übergehen, über Meinungsverschiedenheiten mit den Sowjets zum Dialog, über die Furcht voreinander zur Hoffnung gelangen, aber in der Suche nach dem Frieden weder ängstlich noch schwach, sondern „stark, doch ohne Arroganz“ auftreten.

Beide Parteien sind mit diesen Leitsätzen näher aneinandergerückt – die Republikaner mit einem leichten Ruck von rechts zur Mitte, die Demokraten von der Mitte nach rechts. Sie tragen so dem Anschwellen der konservativen Grundströmung unter der Mehrheit der amerikanischen Wähler Rechnung; sie beugen sich den Gegebenheiten; und sie sind außerstande, den großen Sprung zur Selbstüberwindung zu wagen und gemeinsam begangene Fehler der Vergangenheit in Vietnam, in der Mißachtung der Farbigen und der Armen voll und rückhaltlos anzuerkennen. In beiden Parteien sind alle Männer aus der Führung ausgeschieden worden, die den Mut gehabt hätten, mit der Vergangenheit radikal zu brechen und dem jungen Amerika neue Horizonte zu öffnen: Mark Hatfield und Nelson Rockefeller bei den Republikanern, Eugene McCarthy und George McGovern bei den Demokraten. Wenn Realpolitik den Triumph des Mittelmaßes bei der Auswahl politischer Führer bedeutet, so hat sie in beiden amerikanischen Traditionsparteien gesiegt.