Von Wolfram Siebeck

Ein erschütterndes Dokument aus den finstersten Tagen der Leibeigenschaft geriet jetzt ans Tageslicht, als anläßlich des Besitzwechsels einer Illustrierten die Redaktionsräume aufgeräumt wurden. Unter Stößen von nicht zurückgeschickten Manuskripten fand sich der vergilbte Bericht eines jugendlichen Autors aus der Zeit des Spätkapitalismus, dessen Vater noch zu den sogenannten Lohnsklaven gehörte und als eine Art von Schreiber beschäftigt war. Hier einige Auszüge aus dem Text:

Die ersten Erinnerungen an meinen Vater habe ich aus der Zeit, als wir in M. wohnten. Ich sehe ihn noch, wie er abends nach Hause kam, einen großen Stapel Photos unter dem Arm, die er mit Unterschriften versah. Meistens waren es Mädchen im Bikini auf Segelbooten oder mit gar nichts an im Bett.

Eines Tages kam er nach Hause und sagte: "Wir sind verkauft!" Dieses Wort sollte ich später noch häufig hören. Aber damals ahnte ich nicht, daß es meine Jugend begleiten würde wie ein düsterer Schatten.

Kurz danach zogen wir in eine andere Stadt, weil der Herr meines Vaters es so wollte. Die Bilder, die jetzt bei uns herumlagen, gefielen mir viel besser als die nackten Mädchen. Es waren elegante Damen mit herrlichen Frisuren und kostbarem Schmuck. Mein Vater mußte jede Woche für seinen Brotherrn beschreiben, welche Schlösser die Damen hatten, wie viele Hunde und wer ihre Liebhaber waren.

Später – es mag vier oder fünf Wochen später gewesen sein – wurde Vater dann wieder verkauft. Wir blieben aber in der Stadt wohnen, nur mußte Vater jetzt jede Woche darüber schreiben, welche Leute sich scheiden ließen und wen sie dann heirateten und ob die Hochzeit schön war.

Als Vater das nächstemal verkauft wurde, waren wir gerade in den Ferien und erfuhren es erst, als wir wieder nach Hause kamen. War das eine Aufregung! Vaters neuer Herr war ein frommer Mann; der wollte nicht, daß so viel über Scheidungen geschrieben würde, deshalb mußte Vater jetzt wieder Unterschriften für nackte Mädchen erfinden.