Gregor Janssen: „Das Ministerium Speer. Die deutsche Rüstung im Krieg“; Verlag Ullstein, Berlin; 464 Seiten, 28,50 DM

Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung über das Dritte Reich hat rund fünfzehn Jahre lang darunter gelitten, daß sie sich fast ausschließlich der Außen- und Verfolgungspolitik, der SS und der Wehrmacht in Frieden und Krieg zugewendet und dabei die Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik vernachlässigt hat. Das gilt sogar, bedauerlicherweise, auch für die Leistungen im Umkreis des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, obgleich es über viel wichtiges Material dazu verfügt.

Janssens Buch über das Ministerium Speer läßt nun aber erkennen, daß die deutsche Geschichtsschreibung im Begriff ist, wenigstens die wirtschaftshistorische Lücke zu schließen.

Am 8. Februar 1942 stürzte Fritz Todt mit seinem Flugzeug nahe bei Hitlers Hauptquartier ab. Bereits wenige Stunden später ernannte Hitler den 43jährigen Speer, seinen Lieblingsarchitekten, zu Todts Nachfolger. Innerhalb weniger Monate stieg Speer zu zentraler kriegswirtschaftlicher Bedeutung auf, da er jederzeit Zugang zu Hitler hatte, bedenkenlos Personen und Institutionen gegeneinander ausspielte, Göring ausschaltete, die administrativen Mittelinstanzen an sich zog, die Auflösung der wirtschaftlich wichtigsten Wehrmachtsbehörde erzwang und deren Leiter Thomas wie auch General von Hanneken abservierte. Seit dem Frühjahr 1942 faßte er seine sämtlichen Aktivitäten im sogenannten Speer-Programm zusammen. Fortan regierte er die deutsche Kriegswirtschaft und steigerte sie zu größten Leistungen.

Das ist ohne Zweifel Speers Verdienst gewesen. Wie er dabei mit Dönitz zusammenarbeitete, von dem gefährlichen und undurchsichtigen Himmler zunächst Abstand hielt, wie er jedoch gegen Ende des Krieges zu diesem „engeren Kontakt gesucht und auch gefunden“ hat, so daß die Gauleiter von der „Achse Speer-Himmler“ sprachen und ihn, der im Sommer 1943 in erste Schwierigkeiten mit dem „Führer“ geriet, daran hinderten, zur nächst Hitler mächtigsten Figur in der deutschen Reichsspitze aufzusteigen – das alles hat Janssen eindrucksvoll dargestellt.

Speers Verhalten nach dem 20. Juli, in der Zeit der größten Rüstungsproduktion, ist bekannt. Seine Motivationen dafür bleiben aber auch in Janssens Buch undurchsichtig. Warum Speer in seinen Denkschriften zur Niederlage wie auch bei seinem Widerstand gegenüber Hitlers Zerstörungsbefehlen solchen Mut bewies, sein Verhältnis zum „Führer“ selbst und seine loyale Mitarbeit davon aber bis zuletzt unberührt blieben, obwohl er spätestens Ende März 1944 die „selbstsüchtige und zerstörerische Macht“ Hitlers erkannte, vermag auch Janssen nicht zu erklären. Speer bleibt für uns der widerspruchsvollste aller „Paladine“ – undurchsichtiger noch als Himmler. Oder war er ganz einfach ein von Ehrgeiz besessener, sehr intelligenter Architekt und Organisator mit einer großen schauspielerischen Begabung, die er unbedenklich einsetzte, wo immer es ihm vorteilhaft erschien? Hat Hitler ihn durchschaut, ihn aber – aus „künstlerischer“ Verbundenheit und politischer „Kongenialität“ – doch nicht umbringen oder wie Göring und Himmler aus der Partei ausstoßen lassen?

Janssen hat das für das Urteil über die Wirtschaftspolitik von 1933 bis 1945 grundlegende Kapitel über das Verhältnis von Göring und Speer zur Privatwirtschaft leider nicht geschrieben. Beide sind absolute Gegner der Privat- und unbedingte Befürworter der Parteistaatswirtschaft gewesen. Bei Speer freilich lagen die Dinge komplizierter, da er selber komplizierter war als Göring. Ein kühler Individualist und Egoist, hat er, was immer er tat, nur für sich selbst, nicht für die Partei, den Staat oder Deutschland getan: Er wollte die Wirtschaft konzentrieren und regieren. Im Dritten Reich war das nur vom Parteistaat her möglich; also ging er diesen Weg. Alle Bruchstücke aus Reden, Schriftstücken und Gesprächen, die man als Ausdruck seiner privatwirtschaftlichen Auffassung anführen kann, waren politische Zweckbemerkungen, Zuckerstücke für den, der darauf hereinfallen und ausgenutzt werden sollte. Der Augenschein beweist das: Der Minister konzentrierte und war am Ende ein Vertreter des totalen Krieges und der kriegswirtschaftlichen Diktatur gleich Ludendorff im Ersten Weltkrieg.