Die aggressiven Impulse stoßen ins Leere – oder genauer: der Haß trifft auf lächelnde Kollegen, geschäftige Konkurrenten, höfliche Beamte, hilfsbereite Fürsorger, die alle ihre Pflicht tun und alle unschuldige Opfer sind.

Herbert Marcuse

Absagen, Warnungen, Zusagen

Der Verband Deutscher Dokumentar- und Kurzfilmproduzenten hat seine Teilnahme an der Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche (16. bis 23. November) abgesagt, da das Motto des Festivals – „Filme der Welt für den Frieden der Welt“ – und das Leipziger Reglement, nur Filme vorzuführen, die „das Streben der Völker nach Freiheit, Unabhängigkeit und Glück“ zeigen, in krassem Widerspruch zur bewaffneten Intervention in der ČSSR stünden. Die Schweiz hat aus Protest gegen die Okkupation der ČSSR ihre Teilnahme an der Leipziger Buchmesse abgesagt; fünf Schweizer Verlage, die in Leipzig Auszeichnungen für „Schönste Bücher aus aller Welt“ erhalten sollten, haben auf die Preise verzichtet. Nach Konsultation des Foreign Office und der sowjetischen Botschaft sagte die Londoner Konzertdirektion Dainty ein achtwöchiges Gastspiel des Chores der Roten Armee ab und verpflichtete für die gleichen Daten und die gleichen Theater das Staatliche Tschechoslowakische Gesangs- und Tanzensemble. Vor einem allgemeinen Boykott der russischen Kultur warnte andererseits nach seiner Rückkehr aus Prag der Schriftsteller Heinrich Böll; die Moskauer Führer könnten sich veranlaßt sehen, ihrerseits einen Boykott über westliche Kultur in Rußland zu verhängen, um damit jeglicher Information sowjetischer Bürger einen Riegel vorzuschieben.

Aktivität

Der Internationale PEN-Club in London hat die ihm angeschlossenen PEN-Zentren gebeten, alle bekanntwerdenden Anschriften von zur Zeit im Ausland befindlichen oder dorthin geflüchteten tschechoslowakischen Schriftstellern nach London weiterzuleiten (Adresse: Glebe House, Glebe Place, London SW 3). Rund 5000 Berliner Schüler nahmen, einem Aufruf der Schülermitverwaltung und der Lehrerverbände folgend, an einer Protestdemonstration teil. Eine Dokumentationsausstellung „Prag 21. August 1968“ wurde im Kulturzentrum von Braunschweig eröffnet; es werden Originalphotos, Flugblätter, Zeitungen und sonstiges Informationsmaterial aus der ČSSR gezeigt. Ida Kaminska, die Leiterin des Staatlichen Jiddischen Theaters in Polen, hat auf ihre polnische Staatsangehörigkeit verzichtet, um für sich und ihre Familie eine Ausreisegenehmigung zu erhalten; sie will in New York ein jiddisches Theater gründen.

Erklärungen