FÜR alle, die, auf der Suche nach Hauspersonal, darüber klagen, daß heutzutage keiner mehr dienen wolle, besonders aber für all die, die gleichwohl diesem Mangelberuf noch nachgehen, sowie für Liebhaber satirischer Schriften –

Jonathan Swift: „Anweisungen für Dienstboten“; Insel-Bücherei 933, Insel Verlag, Frankfurt; 112 S., 4,50 DM.

ES ENTHÄLT „Des Herrn Dr. Jonathan Swifts wo nicht unverbesserliche so doch wohlgemeynte Anweisungen für alle Arten unerfahrener Dienstboten aus vieljähriger sorgfältiger Aufmerksamkeit und Erfahrung zusammengetragen“, hinter welchem Titel sich alle sechzehn der zum Teil allerdings nur skizzenhaft erhaltenen Kapitel aus Swifts 1745 auf englisch, 1748 auf deutsch erschienenen satirischen Direktiven für das Hausgesinde wohlhabender Herrschaften verbergen.

ES GEFÄLLT, weil diese Neuausgabe des nahezu unbekannten Werks sich in Lautstand und Orthographie an die alte, vermutlich von Johann Joachim Schwabe, dem Parteigänger Gottscheds und Herausgeber der Zeitschrift Belustigungen des Verstandes und Witzes,stammende Übersetzung hält und mithin das Ärgernis der angeblich einem besseren Verständnis dienenden Modernisierungen vermeidet. Da sie zugleich auf den sogenannten kritischen Apparat verzichtet, kann sie auch nicht den meist lästigen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, der einem unbefangenen Leser gewöhnlich das Vergnügen an derlei abseits liegenden Opuscula gründlich verdirbt. So gefällt sie als bloße Antiquität. Soziologisch interessant ist sie vor allem deswegen, weil sie beweist, daß das nachmittägliche Geschnatter von Gattinnen vermögender Gatten über die Unzuverlässigkeit des Personals nichts Neues ist. Indem der Erfinder des Gulliver hier in der Maske eines gewitzten Bedienten seinen Berufskollegen mitteilt, wie es sich trotz solch gesellschaftlich untergeordneter Stellung einigermaßen gut leben lasse, dürfte er einigen Ärger über seine eigenen Dienstboten abreagiert haben. Dennoch bestätigt das Werkchen den Rang seines Verfassers durch die doppeldeutige Gesellschaftskritik dieser satirischen Direktiven. Was sich zunächst wie billiger Hohn über sozial niedriger Stehende ausnimmt, erweist sich, beim Wort genommen, als recht brauchbare Verhaltensanweisung. Hinter der mehrfach ausgesprochenen Mahnung zur Solidarität unter den Bediensteten verbirgt sich die Einsicht in eine Grundregel des Klassenkampfes, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Helmut Salzinger